5 Dinge, die ich beim Wild Swimming über mich gelernt habe
5 Dinge, die ich beim Wild Swimming über mich gelernt habe

Zuletzt aktualisiert am 11. Februar 2021 von Elli


Es ist November. Ich stehe barfuß am Fluss und bin gerade dabei, meine Klamotten auszuziehen, als ein Fußgänger vorbeikommt, mir einen seltsamen Blick zuwirft, und dann schnell weitergeht. Ich bin nicht überrascht. Davon nicht.

Ich weiß aber, dass ich gleich überrascht werden werde: vom Fluss. Er hat jeden Tag eine leicht andere Farbe; die Wassertemperatur lässt sich nie genau vorhersagen; die Strömung hat auch ihre Launen; und zusammengenommen sagen mir diese Naturdetails jeden Tag etwas anderes; etwas, was ich sonst nirgendwo höre.

Ich hänge erst meinen Mantel, meinen Pullover und meine Hose in den Baum direkt am Ufer, dann lege ich mein Handtuch für später zurecht und mache den ersten Schritt ins Wasser.

Der Untergrundwechsel ist das erste, worauf ich mich jedes Mal freue: von Laub und Erde zu fein unterspültem Sand, der einen immer ein bisschen einsinken lässt. Ich wate bis zur Hüfte ins Wasser, dann pausiere ich kurz. Erst hier merke ich, ob es ein kalter oder ein mittlerer Tag ist. Wenn es ein kalter Tag ist, spüre ich meine Haut nach ein paar Sekunden nicht mehr richtig. Es spielt aber keine Rolle, weil ich weiß, dass ich alles, was ich jetzt verliere, später zurückbekommen werde.

Vor mir glitzert das Wasser, heute ist in der Tat ein kalter Tag, und alles, worauf ich mich konzentriere, ist meine Atmung. Meine untere Körperhälfte ist gerade dabei, die gleichbleibende Temperatur des Flusses anzunehmen; wenn ich irgendwo friere, dann am Oberkörper, der noch dem Wind ausgesetzt ist, der heute weht. An den Armen stellen sich meine Härchen auf. Ich hole tief Luft und tauche bis zur Schulter unter.

Ab da hört das Frieren schlagartig auf. Alles, was ich jetzt noch spüre, ist ein Schock, der alle Zellen gleichzeitig betrifft. Ich atme weiter. Atmen ist ein aktiver Zustand, während die Kälte einen überrollt – und am Ende wieder verschwindet.

Das ist das Paradoxe: Man weiß, dass man sich in eiskaltem Wasser befindet. Aber es fühlt sich einfach anders an.

Wenn der erste Schock überwunden ist, spürt man erst, wie warm einem durch die eigene innere Hitze werden kann. Die Sicht wird plötzlich klarer. Vielleicht liegt es an den Endorphinen, die beim Kontakt mit kaltem Wasser ausgeschüttet werden; ich weiß es nicht.

Was ich dagegen weiß: Es eröffnen sich neue Perspektiven, wenn man einfach mal die Perspektive wechselt.

Sich – wörtlich – im Fluss zu befinden, ist eben etwas anderes, als nur auf den Fluss zu schauen. Vor einem eine breite Wasserfläche zu sehen und sich darin frei bewegen zu können, ist eben etwas anderes, als nur ein Foto davon zu machen.

Auf der Wasserfläche vor mir spiegeln sich Wolken. Meine Körpertemperatur hat sich nun – gefühlt zumindest – dem Fluss angeglichen, ich mache ein paar halbherzige Schwimmzüge gegen die Strömung.

Alles fühlt sich leicht und frei an, und wenn ich später wieder zurück ans Ufer komme, wird sich alles verwandelt haben.

Ich kann das so sicher sagen, weil sich bisher immer irgendetwas verwandelt hatte, nachdem ich aus dem Wasser stieg.

Manchmal war es „nur“ meine Stimmung.

Manchmal war es mein Körpergefühl.

Und an anderen Tagen eigentlich: alles.

Vor allem hat sich aber meine Sicht auf die Dinge geändert, seitdem ich regelmäßig draußen schwimmen gehe.

Hier findest du 5 von ihnen wieder: fünf Dinge, die ich beim Wild Swimming über mich gelernt habe.

1. Erwartungen sind alles.

Bevor ich damit angefangen habe, zu jeder Jahreszeit in wilden Gewässern zu baden, war ich jemand, der ständig fror. Ich war diejenige im Freibad, die erst eine Zehe ins Wasser gehalten und dann, zutiefst geschockt vom Temperaturunterschied, wieder zurückgezogen hat.

Es sind oft gefühlte Stunden vergangen, bis ich – angefeuert von freundlichen Fremden – ins Wasser kam, und wenn ich dann erst mal drin war, bin ich so schnell geschwommen, wie ich konnte: einfach nur, um möglichst schnell wieder warm zu werden.

Meine Erwartung war, dass ich zwar abkühlen, aber nicht frieren wollte. Weil: Frieren war Stress für mich, und mein Körper wollte nicht gestresst werden. Er wollte seine Ruhe haben. Dachte ich.

Aber: Was, wenn man Kälte erwartet und Kälte bekommt? Was, wenn man sich nicht dagegen wehrt, sondern die Kälte zulässt? Was, wenn man sich ihr ganz ergeben kann, weil man weiß, dass der Schock nachlassen und in eine tiefe Ruhe übergehen wird?

Was, wenn man nicht mehr und nicht weniger erwartet, als dass es schwierig werden wird, und danach wieder leichter?

Das ist noch nie am tiefsten gegriffene Erwartung, die man beim Wild Swimming haben kann. Denn bei mir wurde es danach nicht nur „leichter“, sondern: großartig.

Noch Stunden danach fühlte ich mich euphorisch und irgendwie – beschenkt. Als hätte man einen Teil von sich zurück bekommen, den man vorher verloren hat; als hätte sich einem die Großartigkeit des Lebens jetzt erst offenbart.

Ich erwarte aber nicht nur die Euphorie danach, wenn ich meine Sache packe und zum Fluss spaziere. Ich erwarte Eiseskälte, die meine Gliedmaßen taub werden lässt; ich erwarte das Meditative, das daran liegt, diesen Zustand zu suchen und dann zu unterbrechen; ich erwarte, dass das, was mich und meinen Körper anfangs so geschockt hat, sich am Ende in etwas anderes verwandeln wird.

Ich erwarte Schwierigkeiten, aber ich erwarte auch Veränderung. Aber bekommen, bekommen tue ich dann meistens noch viel mehr.

2. Erst, wenn du loslässt, kannst du richtig im Jetzt ankommen.

In eiskaltem Wasser kann man nicht mehr denken. Man kann sich nur darin befinden – und weiteratmen. Denn die Kälte lässt einen nach Luft schnappen, als würde man ertrinken. Nach einer Weile beruhigt sich der Atemrhythmus dann.

Und das ist alles, was in diesem Moment passiert: Du bist im Wasser, vielleicht in einem Fluss, der gleichmütig an dir vorbeifließt, und bist einfach nur.

Was davor war, ist egal, was danach kommen wird, gibt es noch nicht – du bist einfach nur da und lässt die Dinge passieren.

An diese Sekunden denke ich später am liebsten zurück, wenn ich, schon wieder in warme Klamotten gepackt, irgendwo sitze und irgendeiner Tätigkeit nachgehe. Die wenigen Sekunden dehnen sich aus und werden groß und schillernd, und besetzen deinen Kopf mit schönen Bildern und einem wunderbaren Gefühl. Obwohl du nichts gemacht hast.

Du warst einfach nur da. Im Wasser.

3. Ungewöhnliche Lösungen: auch für gewöhnliche Probleme sehr empfehlenswert.

Mein erstes Date mit der Kälte sah so aus: Ich stand während einer ziemlich depressiven Phase unter der warmen Dusche und verspürte einen plötzlichen Reflex, das Wasser kalt zu stellen.

Unterbewusst suchte ich, glaube ich, nach einem Schockmoment, der mich wieder zum Leben erweckte. Und genauso fühlte es sich in diesem Moment an – als wäre ich kurz wieder lebendig geworden.

In den kommenden Tagen und Wochen begann ich zu recherchieren; und was ich fand, bestärkte mich im Entschluss, meine Reise hin zur Kälte fortzuführen. Ich arbeitete mich auf kalte Wannenbäder und schließlich zu einem Flussbad vor, und was soll ich sagen: Wenn ich etwas nicht bereut habe, dann das.

Kaltes Wasser ist für mich ein Versprechen, das jedes Mal wieder erneuert wird. Es fühlt sich eisig, ungut und gut zugleich an, und es funktioniert.

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4. Alltagsfreuden werden grandios unterschätzt.

Was gibt es Besseres, als einen schönen Alltag zu haben? Mit leckerem Essen, zum Beispiel. Gesprächen mit Freund*innen. Oder eben: mit einem schönen kalten Eisbad und wenn man möchte, ein paar Stunden danach mit einer heißen Dusche, um den Rest der Kälte aus dem Körper zu vertreiben.

Warum sollte etwas, was in der Ferne liegt und nur vielleicht passiert, wie zum Beispiel ein Urlaub, wichtiger sein als das, was jetzt schon da ist: deine Fähigkeit, dich jetzt gleich sofort gut zu fühlen?

In der Natur zu sein und zu spüren, dass du Teil davon bist? Dass dein Körper ziemlich viel abkann? Sich herunterkühlen zu lassen und dann, von alleine wieder warm zu werden, sich wach und fit und gelassen zu fühlen?

Den einfachen Dingen mehr wohlwollende Aufmerksamkeit zu schenken – auch das habe ich durch das Wild Swimming gelernt.

5. Was du nicht über dich weißt, ist mehr als das, was du weißt

Kurz gesagt: Ich hätte niemals gedacht, dass ich jemals freiwillig in sehr kaltes Wasser gehen würde – und dass ich es so sehr lieben würde. Aber die Dinge ändern sich. Jetzt bin ich zum ersten Mal in meinem Leben diejenige, die weniger friert als andere – einfach, weil ich es so gewöhnt bin. Und weil ich die Kälte zu schätzen gelernt habe (ja, vielleicht auch: süchtig danach geworden bin).

Für mich hat dieser krasse Umschwung jedenfalls gezeigt: Unser Potenzial zur Veränderung ist enorm. Es kann noch viel passieren in deinem, in meinem, in unserem Leben – und wir wissen jetzt noch nicht, wie wir darauf reagieren werden.

Wir müssen nicht alles kontrollieren.

Wir können uns auch einfach mal überraschen lassen: im Fluss sein mit dem Leben, und einfach weiteratmen.


Du hast Lust, Wild Swimming einmal auszuprobieren? Hier findest du meine 8 Tipps & Tricks für den Start.

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