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„Du bist doch nicht depressiv!“

Verfasst von Elli; zuletzt aktualisiert am 19. April 2024


„Du bist doch nicht depressiv!“

Ich weiß nicht, wie viele Menschen mir das schon gesagt haben.

Eine Freundin schrieb es mir sogar in einem Brief. (Wir schrieben uns eine Zeit lang immer Briefe, oder zumindest nannten wir es Brief; eigentlich schickten wir uns Word-Dateien per Mail hin und her; zwei Literaturwissenschaftlerinnen, die dem gedruckten Wort eine besondere Bedeutung beimaßen, ohne dabei jemals zu bemerken, dass wir niemals Briefkuverts aufrissen oder darauf warteten, dass wir Post bekamen. Wir klickten auf „Senden“ und hörten unsere geschriebenen Stimmen ohne jede Verzögerung.)

Jedenfalls riet mir die Freundin, aufzuhören, an meine eigene Depression zu glauben. Glaube schaffe Realität, schrieb sie sinngemäß, und das könne ich doch besser.

Sie war eine dynamische, kreative, kluge und in jeder Hinsicht sehr überzeugende Person, und ich wusste, dass sie das selbst schaffte – an Dinge zu glauben und diese real werden zu lassen. Sie war eine Zauberin, irgendwo hatte sie eine Quelle niemals endender Energie gefunden; ich bewunderte und beneidete sie aus der Ferne, theoretisch zumindest, denn praktisch fühlte ich gar nichts mehr außer, wie schwer mein Körper geworden war.

Es wurde immer schwieriger, irgendeine Trennlinie zwischen mir und meinem Bett zu ziehen. Während ich meine Identität mehr und mehr in Frage stellte, gingen mir die Ideen aus, was ich in den Briefen an meine Freundin schreiben könnte. Mein Leben schien mir leer, meine Gedanken wirr, und ich konnte mich einfach nicht gut genug konzentrieren, um ihr den schönen Brief zu schreiben, den ich ihr gerne geschrieben hätte.

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So schrieb ich einfach das, was mir als erstes in den Sinn kam. Ich beschrieb ihr, wie ich unter meiner Decke lag, den Computer auf mir und tippte, jeden einzelnen Satz hassend, weil ich gerade alles von mir hasste. Ich schrieb, dass ich in diesem Jetzt gefangen war, dass es aber gleichzeitig das einzige war, was mir geblieben war, also war es das, meinen Brief füllte, aber es war gleichzeitig auch das, was mich zerstörte.
Ich konnte nichts anderes schreiben, entweder das oder gar nichts.

Am Ende des Textes entschuldigte ich mich für die Depressivität des Briefes, dachte: „Wer will sowas schon lesen?“, und klickte auf „Senden“.

Ihre Antwort war wie immer geistreich, sie hatte in der Zwischenzeit etwas erlebt, sich interessante Gedanken gemacht; und einer davon war eben die Lösung für mein melancholisches, lähmendes Problem – dass ich nicht an das Problem glauben solle, die Depression, sondern lieber an etwas anderes.

Sie konnte sich aus allem herausdenken.

Ich konnte es nicht.


Über mich

Ich bin Elli und habe selbst Erfahrungen mit Depressionen. Mir haben vor allem körperliche Ansätze sowie ganzheitliche Mind-Body-Verfahren geholfen – und genau darüber schreibe ich hier, immer mit Bezug auf aktuelle Forschung zum Thema. Denn Körper und Geist hängen eng zusammen. Mind to Body, Body to Mind! Hier erfährst du mehr über mich.


Ich bleibe, wo ich bin und warte“, hatte ich ihr im Brief geschrieben, und genauso war es: Ich wartete. Etwas anderes konnte ich nicht mehr tun.

Ich wartete in meinem Bett; und wenn ich nicht im Bett war, wartete ich darauf, mich wieder ins Bett legen zu können.

Aber sie, der ich schrieb, sah mich nicht im Bett liegen.

Oder lag es daran, dass ich eben nicht die ganze Zeit im Bett lag (auch wenn ich da gerne die ganze Zeit gewesen wäre)?

War meine Art, über meine eigene psychische Gesundheit zu sprechen, nicht überzeugend?

Verwendete ich die falschen Worte? Sollte ich es öfter sagen? Weniger oft? War es überhaupt wichtig, dass mir andere Leute glaubten, was ich selbst über mich sagte?

Wieso war es mir wichtig?

Bei einer Ärztin. Erwähne, dass ich mich erschöpft fühle, erwähne, dass es schwer zu wissen ist, ob es die Depressionen sind oder der Eisenmangel, höre: Aber Sie sehen so fröhlich aus! Der Ton sagt: Kopf hoch, das Leben geht weiter, so schlimm wird es schon nicht sein!

Was zählt mehr: das, was andere sehen, oder das, was ich fühle?

Frage mich selbst, ob ich mich für andere verstelle.

Antworte mir selbst: dass ich nicht alle Facetten, die ich in mir habe, in einer einzigen Interaktion ausleben kann.

Kann man sich eins mit sich fühlen, wenn alle glauben, man sei jemand anderes?

Können zwei gegensätzliche Dinge gleichzeitig wahr sein? Man ist im Leben verwurzelt, und gleichzeitig auch nicht?

Fühle ich mich missverstanden?

Ich weiß es nicht. Es ist eher, als ob andere eine bestimmte Farbnuance meiner Realität nicht wahrnehmen können.

Vielleicht steckt aber noch etwas anderes dahinter, überlege ich, während ich an eine weitere Freundin von mir denke, die ich sehr in mein Herz geschlossen hatte und die mittlerweile nicht mehr lebt.

Diese Freundin hat auch zu mir gesagt: „Du bist doch nicht depressiv!“ Aber sie hat es empört gesagt, so, als würde das Wort „depressiv“ alles andere an mir auslöschen; als würde sie es nicht mitmachen wollen, dass mich etwas einfach auslöscht.

Bevor sie es gesagt hat, haben wir einen perfekten Nachmittag mit perfekten, innigen Gesprächen. Wir sitzen im einem kleinen, mit zusammengewürfeltem altem Mobiliar vollgestelltem Hinterhof eines Cafés, trinken Kaffee mit Hafermilch und reden. Wir lachen viel, wir unterhalten uns über alles, was uns im ganzen Leben passiert ist, darüber, was nach dem Tod kommen könnte, über den Roman, den ich geschrieben habe und den sie gelesen hat, über gesellschaftliche Konventionen und Natur – wir reden und reden und wahrscheinlich haben wir bis heute noch nicht aufgehört zu reden, insgeheim. Wir reden und reden, aber nachdem der Satz gefallen ist: „Du bist doch nicht depressiv!“ und ich versuche, ihr zu erklären, dass das nicht stimmt – merke ich plötzlich selbst, woran es liegt, dass ich mich in dieser merkwürdigen Situation befinde – jemanden von etwas überzeugen zu müssen, was man selbst nicht gut findet.

Ich rede und rede und höre alles, was ich nicht sage.

Ich rede im Kreis um einen Krater herum, in den ich nicht schauen will.

Ich sage viel, aber keinen einzigen Satz, der mir mein eigenes Leben wahrer erscheinen lassen würde.

Ich schaffe es nicht, es zu beschreiben, welche Dinge passiert sind, die mich selbst zur Einsicht gebracht haben, dass ich depressiv bin, obwohl ich die meiste Zeit ein normales Leben geführt habe, dem man von außen nichts ansieht.

Kein Wort, das klarmachen würde, was es für mich wirklich bedeutet, Depressionen zu haben; nur Nebensätze.

Und mir wird klar, dass es nicht nur mit ihr, mit dieser Person, in diesem nachmittäglichen Café so ist, sondern (fast) immer.

Ich rede nicht darüber. Ich erwähne es höchstens in einem Nebensatz, wenn ich das Gefühl habe, dass man den Gesamtkontext sonst nicht verstehen kann. Oder wenn ich über meinen Blog spreche.

Manchmal ist sogar das einzige, was ich zum Thema sage: dass ich über Depressionen blogge. (Haha.)

Das Absurdeste von allem: Ich teile mit jedem, der es lesen möchte, meine Gedanken zum Thema – aber nur schriftlich. Im echten Leben fehlen mir die Worte.

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Dann könnte mein Buch „9 Grad“ etwas für dich sein!

So beschreibt der Lübbe-Verlag den Roman: „Neun Grad hat das Wasser, als Josie zum ersten Mal in den Fluss geht, um ihrer schwerkranken Freundin Rena einen Wunsch zu erfüllen. Vielleicht betäubt der Kälteschmerz ja auch die Angst, sie zu verlieren. Doch was Josie dann erlebt, übersteigt alles, was sie sich erhofft hat. Beim Eisbaden spürt sie sich zum ersten Mal selbst, erlebt ihren Körper, mit dem sie immer gehadert hat, ganz neu. Und noch etwas ist neu: ihre Beziehung zu Lee, den sie über Tinder kennengelernt hat. Doch Lee kämpft mit seinen eigenen Dämonen, ist depressiv. Was bedeutet das für ihre Liebe – und was machen Grenzerfahrungen mit einem? Elli Kolb erzählt es in ihrem bewegenden Roman.“

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Die beste Version von „Du bist doch nicht depressiv“, die ich in meinem ganzen Leben gehört habe

An diese Café-Situation muss ich noch oft denken.

Sie hat sich in mein Gedächtnis eingebrannt wie ein Sonnenuntergang, von dem man weiß, dass er der letzte ist, den man jemals sehen wird. Ich wusste, dass die Person, mit der ich den perfekten Kaffee-Nachmittag verbrachte, sehr krank war; dass die Möglichkeit bestand, dass sie sterben würde. Aber gleichzeitig sah sie so lebendig und lebhaft aus – die lebendigste und energiereichste Person im ganzen Raum.

Ich fühle mich so, als hätte sie gesagt: Du hast doch nicht nur Depressionen. Du bist doch auch noch du – die Person, mit der ich mich gerade unterhalten habe.

Es war die beste Version von „Du bist doch nicht depressiv“, die ich in meinem ganzen Leben gehört habe.

Diese Version würde ich gerne noch einmal hören. Von der Person, die sie mir damals im Café gesagt hat; oder von irgendjemand anderen.

„Du bist doch nicht depressiv – oder zumindest bist du nicht nur depressiv. Du bist auch immer noch du.“

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Claire

    Oh Mensch, da kommen die Tränen. Und wie schön Deine Interpretation ihres Satzes, dass die Depression „nur“ ein Teil von Dir ist, aber eben nicht Du, ein Verhaltensstrang, einer von mehreren. Rückblickend erkenne ich das bei meinem Papa. Er wurde nie diagnostiziert, aber irgendwie war es jedem klar. Ich wünschte ich hätte damals das Wissen über den Vagusnerv gehabt und hätte es weitergeben können. Ich hatte nie Depression, ich bin eher so der Gereiztheit-Wut-Kandidat – aber auch da sind Wunder passiert durch tägliche Vagusaktivierung. Dieses Wissen ist so wertvoll. Mach weiter :*

    1. Elli

      Liebe Claire, hab vielen lieben Dank für deinen Kommentar! Das geht mir auch oft so, dass ich mir denke, wenn man nur XY früher gewusst hätte und was man dann gemacht hätte / wem man hätte helfen können… Das ist dann immer so ein ambivalentes Gefühl, weil einerseits ist man froh darüber, was man jetzt weiß, und andererseits, was hätte man die Jahre davor alles mit dem Wissen machen können? Ach. Aber auch, natürlich: yay, Vagusnervaktivierung!!! Ich schicke ganz liebe Grüße zu dir! 🙂

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