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Ursachen von Antriebslosigkeit: An dir ist nichts falsch. Du bist nicht falsch. Diese Fakten aus der Forschung sagen dir, warum.

Zuletzt aktualisiert am 25. Februar 2022 von Elli


Wenn unsere Leistungsgesellschaft eines nicht mag, dann: Antriebslosigkeit.

Man soll sich immer zu allem aufraffen können, auch, wenn es einem keinen Spaß macht, auch, wenn es sinnlos ist, auch, wenn es sinnvoll ist, auch wenn es einen kurz- oder langfristig zerstört, auch, wenn es dir einmal sehr gefallen hat und du nun trotzdem keine Energie dafür hast. („Alles ist möglich, und du musst alles wollen, was möglich ist.“ „Bitte aufhören, zu jammern. Ciao.“)

Gleichzeitig wird die Bedeutung von Pausen hervorgehoben. Sie seien wichtig, um neue Energie zu tanken, damit man später wieder „volle Leistung“ bringen kann. (Ich könnte kotzen.)

Wer wirklich depressiv und antriebslos ist, macht allerdings nicht nur eine Pause, um später wieder „voll leistungsfähig“ zu sein. Es geht nicht mehr um Leistung. Es geht einfach nur um Leben. Man wartet, während man nichts tut, darauf, dass es endlich vorbei ist, dass man endlich wieder lebendig sein kann.

Antriebslosigkeit ist ein schmerzhafter Zustand.

Und einer, der mit der Grundstoßrichtung unserer Leistungsgesellschaft komplett entgegenläuft.

Diese beiden Tatsachen führen leider dazu, dass jemand, der ohnehin schon unter seiner eigenen Apathie leidet, sich selbst vermutlich auch noch dafür hasst.

Worst case: Man liegt im Bett (oder wo auch immer) hat für nichts Energie, nicht für Dinge, die Spaß machen, und auch nicht für Dinge, die sowieso keinen Spaß machen, (und was war Spaß eigentlich gleich noch einmal?), und verachtet sich selbst dafür. Denn: Leistungsgesellschaft, man bringt gerade keine Leistung, das war es dann, kein Wunder, dass ich mich so schlecht fühle.

Es ist einfach, sich selbst die Schuld für seine Antriebslosigkeit zu geben.

Aber weißt du was? Du liegst falsch.

Antriebslosigkeit und Apathie sind keine per se pathologischen Sonderfälle unseres Nervensystems, die man selbst durch sein Versagertum verursacht hat.

Sondern die Ursachen für Antriebslosigkeit sind in deinem Körper fest verankerte Mechanismen, in jedem, in Menschen wie in Tieren, und dass sie einem ab und zu das Leben extrem schwermachen, heißt nicht, dass sie, insgesamt gesehen, keinen Sinn ergeben würden.

Antriebslosigkeit, eine Pause vom Leben, ist tatsächlich ein normaler Teil des Lebens.

Und darum soll es nun gehen: um unterschiedliche Ursachen von Antriebslosigkeit – und warum sie ganz normal sind.

Disclaimer: Alle Informationen, die du hier findest, sind mit großer Sorgfalt recherchiert, aber: Ich bin keine Ärztin, und alle Angaben in diesem Beitrag sind ohne Gewähr. Wenn du Beschwerden hast, empfehle ich dir, medizinisches Fachpersonal zu konsultieren – das ist die einzige Möglichkeit, um eine angemessene Behandlung zu erhalten. Die hier bereitgestellten Informationen stellen keine Handlungsanweisung dar, ersetzen keinen Arztbesuch und dienen auch nicht der Selbstdiagnose oder -behandlung, sondern der weiterführenden Diskussions meines Blogbeitrags-Themas bzw. spiegeln eigene Erfahrungen oder Meinungen meiner Interviewpartner wider.

1. Mögliche Ursache von Antriebslosigkeit: Antriebslosigkeit als Reaktion des autonomen Nervensystems (Fight – Flight – Freeze / Immobility)

Teil 1: Die antrieblose Katze

Die Katze kam in einem kleinen grünen Transportkorb bei uns an: der Blick ins Leere laufend, ihre Nase an das Handtuch gepresst, auf dem sie saß und das ihr irgendwie Halt zu geben schien.

Sie sah nicht einmal auf, als wir das Tür des Körbchens öffneten und uns dann ein paar Meter entfernten, um ihr die Gelegenheit zu geben, herauszuklettern.

Es schien, als habe sie nicht einmal bemerkt, dass sich in ihrer Umgebung etwas verändert hatte – dass sie nun frei war.

Wir brachten ihr frisches Futter, bemühten uns, möglichst leise zu gehen und zu sprechen, und gingen aus dem Raum, damit sie sich erst einmal umschauen konnte bei uns, in ihrem neuen Zuhause, das wir ihr hiermit gewissermaßen, nun ja, aufgezwungen hatten.

Aber die Katze bewegte sich nicht. Stunden vergingen. Sie hob zwischendurch nicht einmal den Kopf.

Emily

Es war die apathischste Katze, die ich jemals gesehen hatte. Ich weiß noch, dass ich mir damals dachte, „wie depressiv sie aussieht“, und den Gedanken sofort wieder beiseite wischte. Lag das am Trennungsschmerz?

Konnten Tiere überhaupt depressiv sein?

Und falls ja: Ging das so schnell? Am Morgen hatte die Katze, so hatte man uns überzeugend berichtet, noch fröhlich mit ihren Geschwistern gespielt und war anschließend als erste zum Futternapf gelaufen. Hatten wir sie traumatisiert, indem wir sie zu uns geholt hatten? Würde sie sich jemals davon erholen? Hatten wir ihr Leben zerstört?

Diese Katze wohnt immer noch bei uns (genauer gesagt bei meinen Eltern). Sie heißt Emily.

Und sie passt deshalb so gut in diesen Blogbeitrag, weil sie nach ihrem „Umzug“ zu uns so deutlich in einem bestimmten Zustand unseres Nervensystems gefangen war, der uns theoretisch allen zueigen ist: einer „Immobilisierung-Reaktion“ – einer physiologischen Reaktion des autonomen Nervensystems, die zu Apathie und Verlust der Körperspannung führen kann. Willkommen bei der ersten möglichen Ursache von Antriebslosigkeit!

Wie kommt es zu einer Immobilisierungsreaktion?

Zu einer Immobilisierungs-Reaktion kommt es erst, wenn, objektiv oder subjektiv wahrgenommen, keine Möglichkeit mehr besteht, die Situation zu seinen Gunsten oder überhaupt: zu beeinflussen.

Forscher*innen bringen diese Reaktion, die zu Apathie und Antriebslosigkeit führt, mehr und mehr auch mit Depressionen in Verbindung (zum Beispiel dieser Artikel auf psychologytoday.com: „We’ve got depression all wrong. It’s trying to save us.“)

Dieser Blickwinkel legt den Fokus bei Depressionen also mehr auf das Nervensystem und weniger auf z.B. verzerrte Kognitionen, wie sie in einer kognitiven Verhaltenstherapie oft diskutiert werden.

In dieser Konzeptualisierung von Depressionen ist Antriebslosigkeit also eine mögliche natürliche Folge von ungünstigen Einflüssen auf das Nervensystem.

Der Fokus auf das Nervensystem passt auch insofern, als die Immobilisierungsreaktion über den Vagusnerv, den größten Gehirnnerv, geschieht – und die Rolle des Vagusnervs bei Depressionen ohnehin immer mehr in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückt ist. (Ich sage nur: Vagusnerv-Stimulation.)

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Das vegetative Nervensystem: Was machen Sympathikus und Parasympathikus eigentlich genau, und inwiefern können sie Antriebslosigkeit verursachen?

Unser vegetatives Nervensystem (das übrigens auch „autonomes“ Nervensystem genannt wird) steuert viele zentrale Körperfunktionen, zum Beispiel: Stoffwechsel, Verdauung, Herzschlag oder Atmung. Seine Hauptaufgabe ist es, unsere wichtigsten Körperfunktionen möglichst unauffällig am Laufen zu halten, ohne dass wir darüber nachdenken müssen.

Zum Beispiel stellt das vegetative Nervensystem sofort Energiereserven für uns bereit und lässt den Herzschlag ansteigen, wenn wir beim Überqueren der Straße fast von einem Auto gestreift werden. Das läuft so automatisch ab, dass unser Körper höchstwahrscheinlich schon längst reagiert hat, bevor wir die Gefahr überhaupt bewusst wahrnehmen.

Das heißt: Eine der Aufgaben des autonomen Nervensystems ist, die Umgebung auf Hinweise auf Gefahren (und auch: Sicherheit!) hin zu scannen und schnell zu reagieren. Was es dabei als Gefahr wahrnimmt, hängt dabei auch von der jeweiligen Lebensgeschichte ab. Wer z.B. traumatische Erfahrungen gemacht hat, dessen Nervensystem reagiert vermutlich auf andere Trigger als jemand, der in relativer Sicherheit aufgewachsen ist.

Zwei gegensätzliche Funktionsbereiche machen das vegetative Nervensystem aus: der Sympathikus und der Parasympathikus.

In ihrer Funktion sind sie genau die Gegenspieler voneinander: Während der Parasympathikus in Regenerations- und Ruhephasen das Steuer übernimmt („Rest and Digest“) und Selbstheilungsprozesse fördert, ist der Sympathikus für eine Aktivitätssteigerung des Organismus verantwortlich und stellt diesen zum Beispiel auf eine Kampf- oder Fluchtreaktion ein („Fight or Flight“).

Grafik, die die unterschiedlichen Reaktionen des vegetativen Nervensystems auf Sicherheit und Gefahr illustriert: Fight, Flight, Freeze, Fawn bei Gefahr; bei Sicherheit hingegen Rest & Digest.


Außer Rest & Digest und Fight & Flight gibt es noch zwei weitere Zustände des vegetativen Nervensystems: Freeze (Totstell-Reflex) und „tonic immobility“. (Hier ist ein ausführlicherer Artikel dazu: „Freeze for action: neurobiological mechanisms in animal and human freezing“ von Karin Roelofs.)

Der Freeze-Reflex ist quasi ein kurzzeitiges Erstarren, in dem man weiterhin fieberhaft überlegt, was man tun kann – ein Zustand erhöhter Aufmerksamkeit bei gleichzeitiger Bewegungslosigkeit. Ein Beispiel für einen Freeze-Reflex wäre z.B., beim Joggen einem großen Hund ohne Leine zu begegnen, abrupt stehen zu bleiben und zu schauen, was der Hund macht, ob es in der Nähe einen Stock gibt, mit dem man sich „verteidigen“ könnte, falls der Hund angreift.

Und bei „immobility“ hat dann jedes Lösungsansatz versagt: Man resigniert oder ist vor Angst längerfristig komplett gelähmt, fällt in sich zusammen, wird apathisch. Auch Dissoziieren ist möglich. (Solche Reaktionen werden oft mit traumatischen Erfahrungen in Verbindung gebracht. Hier ist ein Artikel, der sich damit beschäftigt: „Human tonic immobility: measurement and correlates“.)

Fazit: Bewegungslosigkeit und Apathie sind als normale Reaktionen unseres vegetativen Nervensystems auf zu herausfordernde oder ausweglos scheinende Situationen verankert. Eine mögliche Ursache von Antriebslosigkeit steckt damit direkt in unserem Nervensystem.

Ach ja, es gibt noch eine weitere mögliche Reaktion des Nervensystems auf tatsächliche oder gefühlte Gefahr, die erst in letzter Zeit Beachtung gefunden hat: „Fawn“ (a fawn: Rehkitz; to fawn: vor jemandem katzbuckeln, sich einschmeicheln). Bei der Fawn-Response versucht die jeweilige Person, jemand anderen zu besänftigen, indem er ihm/ihr zustimmt, sich bemüht, ihn/sie wieder in gute Laune zu versetzen, um so Konflikte abzuwenden. Die Fawn-Response ist oft eine Folge von traumatischen Kindheitserlebnissen.

Teil 2: Die Katze – eine Fortsetzung: Leidet Emily, die antrieblose Katze, immer noch unter ihrem neuen Zuhause?

Damit zurück zu Emily.

Wir hatten nun also diese Katze zuhause, die offensichtlich vor lauter Stress in einer Immobilitäts-Reaktion gefangen war und uns (sowie alles andere) gar nicht richtig wahrnehmen konnte.

Wir wollten aber gerne Kontakt mit dieser Katze aufnehmen und ihr zeigen, dass wir ihr freundlich gesonnen waren.

Leider verhindert, wie ich heute weiß, extremer Stress, dass man auf soziale Reize adäquat reagieren kann. Auch das liegt an der Funktionsweise des Nervensystems – und war einer, auf die die sogenannte „polyvagale Theorie“ aufmerksam gemacht hat.

Was ist die polyvagale Theorie?

Die polyvagale Theorie geht auf den Amerikaner Stephen Porges zurück und ist vor allem für ein besseres Verständnis von (auch komplexen) Traumafolgestörungen (Complex posttraumatic stress disorder: Cptsd, oder auf Deutsch: K-Ptsd) entwickelt worden.

(Kurzer Einschub zum Thema komplexe Traumata / Entwicklungstraumata: Sie spielen sich mehr vor dem Hintergrund von Beziehungsgeschehen ab und sind meistens über einen längeren Zeitraum passiert, z.B. emotionale oder physische Vernachlässigung in der Kindheit, Suchterkrankungen von Elternteilen etc. Mehr zum Thema Entwicklungstrauma findest du z.B. bei Dami Charf.)

Damit zurück zur polyvagalen Theorie. Im Rahmen seines Modells erweiterte Stephen Porges unsere Konzeption des autonomen Nervensystems – indem er sich die Rolle des Vagus-Nervs genauer anschaute. (Wie oben erwähnt ist der Vagus-Nerv, also der 10. Hirnnerv, der größte und wichtigste Nerv des parasympathischen Nervensystems.)

Laut Porges lässt sich der Vagus-Nerv in einen „bauchseitigen“ (ventralen) und „rückenseitigen“ (dorsalen) Funktionsteil aufteilen: Das „dorsal-vagale“ Untersystem führt zur Immobilisierungs-Reaktion (die du ja bereits kennst), das „ventral-vagale“ dazu, dass man sich entspannt und kontaktfreudig fühlt (Stichwort „social engagement“).

Damit sieht Porges’ Konzept vom autonomen Nervensystem so aus:

Grafik, die zeigt, wie sich das sympathische Nervensystem nach der polyvagalen Theorie in zwei Zweige aufspaltet, den dorsalen und vagalen Zweig.

Warum ist es wichtig zu wissen, dass das autonome, ventral-vagale Nervensystem zu Entspannung und sozialem, kontaktbereitem Verhalten führt?

Tja – weil Parasympathikus und Sympathikus eben Gegenspieler sind.

Das heißt, wenn du dich in einem Fight&Flight-Reflex befindest, bist du eben nicht mehr entspannt und kontaktfreudig.

Auch innerhalb des parasympathischen Systems gilt: Wenn du gerade infolge einer extremen Stresssituation innerlich komplett heruntergefahren und apathisch bist, bist du eben nicht mehr zu einem netten Gespräch aufgelegt oder kannst dich daran erfreuen.

Die Therapeutin Deb Dana spricht von einer „autonomic hierarchy“ oder auch „polyvagalen Leiter“: gewisse Stufen folgen aufeinander und schließen sich gegenseitig aus.

Die verschiedenen Stufen des vegetativen Nervensystems nach der polyvagalen Theorie

  • bei wahrgenommener Sicherheit: Das ventral-vagale Nervensystem ist aktiviert, man ist entspannt und bereit zum Sozialkontakt
  • bei wahrgenommener Gefahr: Das sympathisches Nervensystem springt an und man befindet sich in einer Fight- oder-Flight-Reaktion. Man sucht nicht mehr nach zwischenmenschlicher Verbindung, sondern ist bereit, anzugreifen, sich zu verteidigen oder zu fliehen (wobei auch hier eine „Fawn“-Reaktion, auch „Bambi-Reaktion genannt, möglich ist – hier würde man eher versuchen, den/die Angreifer*in zu besänftigen, indem man sich kooperativ zeigt und sich so „ergibt“.)
  • bei wahrgenommener Gefahr bei gleichzeitig wahrgenommener Aussichtslosigkeit der Lage: Es passiert ein dorsal-ventraler Kollaps, der extreme Antriebslosigkeit verursachen kann: hin zu einer Immobilisierungsreaktion mit Apathie und Dissoziation.

Wenn wahrgenommene Gefahr dafür verantwortlich ist, dass wir in der polyvagalen Leiter einen Schritt nach unten rutschen, hin zur sympathischen Aktivierung oder gar dem dorsal-vagalen Kollaps, dann ist eines das Wichtigste für unser autonomes Nervensystem: Sicherheit – oder wenigstens das Gefühl von Sicherheit.

Eine der zentralen Fragen von Stephen Porges lässt sich demzufolge auch so zusammenfassen: Wie kann ich meinem Nervensystem vermitteln, dass ich in Sicherheit bin?

Isolation bei Depressionen: Verursacht das dysregulierte Nervensystem Antriebslosigkeit und sozialen Rückzug?

Ist dir beim Lesen etwas aufgefallen? Nicht nur das mit der Apathie bei der ventral-vagalen Immobilisierungsreaktion passt zu den Symptomen einer Depression; sondern auch, dass die Bereitschaft zur sozialen Interaktion abnimmt. Fand ich ganz spannend (auch, wenn eine Depression natürlich viele verschiedene Ursachen haben kann).

Und was war jetzt mit Emily?

Tja, also irgendwann war uns klar, dass diese Katze so gestresst ist, dass gar nichts mehr geht.

An der neuen Umgebung schien ihr offensichtlich alles unsicher – sonst hätte sie sich vermutlich aus dem Körbchen und in ein besseres Versteck gewagt.

Deswegen haben wir das einzige getan, was wir tun konnten: Wir haben versucht, ihr die neue Umgebung so sicher wie möglich scheinen zu lassen.

Wir waren in ihrer Gegenwart immer leise und haben nur mit gedämpfter Stimme mit ihr gesprochen; wir haben die Heizung aufgedreht und Decken hingelegt. Und dann hatten wir einfach Geduld.

Nach vier nervenaufreibenden Wochen ist Emily dann aufgetaut.

Heute geht es ihr so:

Emily heute

Fazit: Das autonome Nervensystem reagiert sehr stark auf Umgebungsreize. Wenn dir die Umgebung sicher erscheint, ist es wahrscheinlicher, dass du schneller aus einer Immobilisierungs-Reaktion mit Antriebslosigkeit & sozialem Rückzug wieder herausfindest.

Tipps gegen Antriebslosigkeit und Apathie aus der Sicht des autonomen Nervensystems

  • Lass sie zu. Dein Nervensystem muss sich anscheinend gerade von etwas erholen.
  • Verändere deine Umgebung so, dass sie dir aktiv signalisiert, dass du in Sicherheit bist. Auf diese Weise kannst du vielleicht die Freeze-Reaktion als Ursache für Antriebslosigkeit außer Kraft setzen. Dabei können dir viele verschiedene Dinge helfen, je nachdem, was für dich funktioniert: – ein heißes Bad nehmen; dich in eine flauschige Decke einwickeln; Kerzen anzünden; mit jemandem telefonieren/dich mit jemandem treffen, den du magst und bei dem/der du dich sicher fühlst; heiße Getränke zu dir nehmen (mehr zum Potenzial von Wärme bei Depressionen findest du übrigens in meinem Artikel: „Wärmetherapien bei Depressionen“); umgib dich mit Dingen, die dich an etwas Positives erinnern, und halte Abstand von Situationen/Aktivitiäten/Menschen, wo du davor schon weißt, dass du dich danach schlechter fühlen wirst als davor.
  • Wenn du das Gefühl hast, zu dissoziieren, dich antriebslos, apathisch und innerlich leer fühlst, können manchmal auch starke Reize dazu führen, dass du wieder „aufwachst“. Zum Beispiel könntest du im Anschluss an eine warme Dusche noch kalt duschen; oder Sport machen, bei dem du dich richtig auspowerst (vorausgesetzt, das lässt deine Antriebslosigkeit zu).

2. Mögliche Ursache von Antriebslosigkeit: Antriebslosigkeit als „sickness behaviour“ bei Entzündungsprozessen, Nährstoffmängeln und Krankheiten

Entzündungsprozesse

Edward B. wird von Zahnschmerzen geplagt. Beim Arzt die schlechte Nachricht: Man müsse leider operieren. Die Füllung eines Zahns sei porös geworden, es brauche eine Wurzelkanalbehandlung.

Edward spricht sich selbst Mut zu, schafft es sogar, mit einigermaßen guter Laune zur anstehenden Wurzelbehandlung aufzutauchen.

Doch nach der OP die Überraschung: Seine Stimmung fällt rapide. Es geht nicht einmal um die Zahnschmerzen. Mittlerweile geht es um die ganz großen Dinge: Weltschmerz. Er verkriecht sich ins Bett, will niemanden sehen und niemanden hören. Morbide Gedanken begleiten ihn während der ganzen Zeit.

Am nächsten Morgen der Wendepunkt: Edward B. geht es psychisch wieder besser. Und: Das Erlebnis hat ihn auf eine ganz bestimmte Idee gebracht.

Edward B. ist nicht irgendein Patient, der irgendeine Wurzelkanalfüllung erhalten hat.

Edward B. ist Edward Bullmore, der bekannte britischen Neuropsychiater, der in seinem bahnbrechenden Buch „Die entzündete Seele“ beschreibt, wie Entzündungsreaktionen (die z.B. nach einer Verletzung / Operation getriggert werden) und Immunreaktionen des Körpers zu bestimmten psychischen Symptomen führen können: Rückzug, Stimmungstiefs, Antriebslosigkeit.

Seine Erlebnisse während und nach der Wurzelkanalbehandlung führten unter anderem dazu, dass er die gängige Annahme hinterfragte, dass Stimmungen „nur“ durch Gedanken entstanden. Sein Fokus liegt stattdessen auf Immunprozessen und Entzündungsprozessen, die oft eben die exakt gleichen Symptome hervorrufen wie Depressionen.

Merkt man es nicht, wenn man eine Infektion hat oder eine Entzündung? Dann könnte man die Antriebslosigkeit doch leicht darauf zurückführen?

Klar: Viele Entzündungsprozesse registriert man als solche.

Ein Beispiel für eine akute Entzündung wäre zum Beispiel, wenn man sich beim Kochen in den Finger schneidet – dann werden im Rahmen einer akuten Entzündungsreaktion eindringende Krankheitserreger unschädlich gemacht, und erst danach der Heilungsprozess eingeleitet. Immer, wenn Wunden heilen müssen, z.B. auch nach Operationen, finden also in einem gewissen Ausmaß Entzündungs- als Heilungsprozesse statt.

Bei einem eingewachsenen Nagel ist die Sache auch klar. Oder wenn z.B., im Rahmen von Rheuma, die Gelenke anschwellen.

Ein bisschen mehr tricky ist die Sache zum Beispiel nach Infektionen – denn auch Pathogene, z.B. Viren, mit denen der Körper nicht richtig fertig wird, können Entzündungen hervorrufen. Genau das wird z.B. auch bei „Long Covid“ als eine der möglichen Ursachen für die anhaltenden Symptome diskutiert.

Und manche Entzündungen verlaufen ganz und gar „stumm“, d.h. man hat keine Schmerzen, Schwellung oder Rötung an der Stelle; aber trotzdem läuft das Immunsystem auf Hochtouren und es kann sein, dass daraus Symptome wie Abgeschlagenheit oder Antriebslosigkeit entstehen.

Was sind stumme Entzündungen?

Stumme Entzündungen sind im Gegensatz zu akuten Entzündungen chronisch – das heißt, sie begleiten einen über einen längeren Zeitraum, ohne notwendigerweise über auffällige Symptome auf sich aufmerksam zu machen.

Typische Symptome von stummen Entzündungen sind z.B. Erschöpfung, Müdigkeit, depressive Verstimmungen. Stumme Entzündungen können in der Folge auch zu weiteren gesundheitlichen Problemen und Krankheiten führen. Und natürlich auch: Ursache von Antriebslosigkeit sein.

Was sind häufige Ursachen von stummen Entzündungen?

  • Bewegungsmangel
  • Schlafmangel
  • schädliche Umwelteinflüsse (z.B. Mikroplastik, Smog, Lärm, Schimmelpilze, schädliche Angewohnheiten wie Rauchen)
  • eine entzündungsfördernde Ernährung (z.B. viele hochverarbeitete Lebensmittel mit viel Zucker, Süßstoffen, Transfetten)
  • entzündliche Prozesse in der Darmschleimhaut
  • Adipokine im Bauchfett: Adipokine sind Entzündungsbotenstoffe, die das Bauchfett in manchen Fällen in den Körper abgeben kann. Das kann, muss aber nicht unbedingt, mit hohem Bauchumfang einhergehen.
  • chronischer Stress

3 Tipps gegen Antriebslosigkeit, wenn du vermutest, dass Entzündungen dahinter stecken könnten:

  • Zu einer Ärztin/einem Arzt gehen, der das Thema auf dem Schirm hat, und dich untersuchen lassen.
  • Dr. Anne Flecks neues Buch „Energy!“ lesen. (Unbezahlte, unbeauftragte Werbung). Super spannendes Buch, das wahnsinnig viele Aspekte zusammendenkt. Dort gibt es auch ein eigenes Unterkapitel zum Thema „stille Entzündungen“.
  • Generell entzündungslindernde Maßnahmen und Lebensmittel in deinen Alltag einbauen, zum Beispiel über antientzündliche Ernährung, ausreichend Schlaf, möglichst wenig Stress und Bewegung an der frischen Luft – selbst wenn du überhaupt keine stillen Entzündungen haben solltest, können diese Maßnahmen sicher nicht schaden.

Fazit: Antrieblosigkeit, Apathie und sozialer Rückzug treten auch bei den meisten Infektionskrankheiten aus. Neuere Forschung zeigt, dass auch Depressionen von Entzündungen ausgelöst werden können (sowie umgekehrt gilt, dass Depressionen leider die Neigung zu Entzündungsprozessen verstärken).

Jedenfalls: Die Ursache von Antriebslosigkeit ist mit Sicherheit kein individuelles Versagen, sondern Antriebslosigkeit kann im Rahmen von Entzündungsprozessen, Krankheiten, Nährstoffmängeln oder einem dysregulierten Nervensystem auftreten. Der Rückzug ist in diesem Fall als Schutzreaktion des Mechanismus’ zu verstehen.

Nährstoffmängel oder Krankheiten, die Antriebslosigkeit auslösen oder verstärken können

Entzündungen sind die eine Sache. Aber es gibt auch bestimmte Nährstoffmängel oder Krankheiten, die zu depressiven Symptomen, darunter auch Antriebslosigkeit, führen können.

Auch das sind normale, biologisch sinnvolle Mechanismen deines Körpers, die dir anzeigen, dass da etwas nicht stimmt.

Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass etwas an deiner Persönlichkeit nicht stimmt, nur weil du gerade nicht so leistungsfähig bist – und absolut keinen Grund, dich für deine Antriebslosigkeit fertig zu machen.

(Also generell natürlich, nicht nur auf diesen Punkt bezogen.)

Mögliche Ursachen von Antriebslosigkeit und Depressionen: Krankheiten

In meinem Interview mit dem Professor für Neurowissenschaften Dr. Erich Kasten habe ich darüber gesprochen, welche Nährstoffmängel oder Krankheiten auch oder mit hinter depressiven Symptomen stecken können.

Spoiler Alert: Das sind ziemlich viele.

Um nur einige zu nennen (nachzulesen z.B. in Prof. Dr. Erich Kastens Buch „Somatopsychologie – körperliche Ursachen psychischer Störungen von A bis Z):

Einige Beispiele für Krankheiten, die zu Antriebslosigkeit führen können

Hormonstörungen

  • Krankheiten der Schilddrüse, z.B. Hashimoto-Thyreoiditis oder Schilddrüsenunterfunktion
  • Adrenal Fatigue / Nebennierenschwäche (dazu gibt es u.a. in Dr. Anne Flecks Buch „Energy!“ übrigens ein ganzes Kapitel!)
  • Östrogendominanz
  • Prämenstruelles Syndrom

Reaktionen des Körpers auf externe Auslöser

  • Allergien
  • Schlafmangel
  • Flüssigkeitsmangel
  • Cannabis- oder Alkoholmissbrauch
  • Schadstoffe in der Umgebung, z.B. Schimmelpilze

Infektionskrankheiten

  • Borreliose
  • Epstein-Barr-Virus (Pfeiffersches Drüsenfieber)

Erkrankungen der inneren Organe

  • Leberfunktionsstörungen
  • Magen-Darm-Erkrankungen

Neurologische Krankheiten

  • Demenz
  • Multiple Sklerose
  • Parkinson
  • Demenz
  • Multiple Sklerose
  • Parkinson

Psychische Krankheiten

  • Depressionen
  • Schizophrenie

Nur, um das noch mal klarzustellen: Wenn du unter Antriebslosigkeit leidest, heißt das im Umkehrschluss natürlich nicht, dass du gleichzeitig eine der oben genannten Krankheiten haben musst – zu denen kommen meist noch andere Symptome hinzu.

Ich finde es nur hilfreich zu wissen, dass es so viele Erkrankungen gibt, die zu Antriebslosigkeit führen können – weil das ja oft auch ein Zeichen unseres Körpers an uns ist, dass wir uns schonen sollten. Oder mehr Pausen gönnen. Oder uns generell besser behandeln.

Antriebslosigkeit ist eben kein Zeichen von Faulheit oder Charakterschwäche, und allein das zu wissen, kann den Umgang damit erleichtern.

Nichts ist schlimmer, als sich selbst auch noch die Schuld dafür zu geben, dass man leidet.

Wenn es dir aktuell schlecht geht und es dir schwerfällt, Mitgefühl für dich selbst zu empfinden, könnte dir mein Artikel „Mehr Selbstmitgefühl: 7 Therapeut*innen, Coach*innen und Blogger*innen verraten dir ihre besten Übungen und Tipps“ vielleicht helfen.

Mögliche Ursachen von Antriebslosigkeit und Depressionen: Nährstoffmängel

Mich hat das Thema Nährstoffmängel und Depressionen / Antriebslosigkeit auch persönlich sehr interessiert, weil ich leider einige Erfahrungen mit dem Thema Eisenmangel & Depressionen sammeln dufte – und deswegen weiß, wie krass sich der simple Mangel eines einzelnen Nährstoffs auf meine Stimmung und körperliche Verfassung ausgewirkt hat.

Hier eine kurze Übersicht, welche Nährstoffmängel zu Antriebslosigkeit führen können

Fun Fact: Solltest du durch Nahrungsergänzungsmittel zu viel von diesen Nährstoffen aufnehmen, kann das in manchen Fällen auch wiederum zu Antriebslosigkeit führen – abgesehen davon, dass es auch weitere negative Auswirkungen auf deine Gesundheit haben kann. Also lass deine Werte lieber beim Arzt / deiner Ärztin überprüfen, bevor du auf gut Glück irgendwas nimmst.

Wenn du einen Nährstoffmangel haben solltest, heißt das nicht notwendigerweise, dass in deiner Nahrung zu wenig von diesem Nährstoff enthalten war. Es kann auch sein, dass du diesen Nährstoff aus diversen Gründen (z.B. gleichzeitig aufgenommene andere Stoffe, chronische Entzündungen oder Magen-Darm-Probleme) nicht gut aufnehmen konntest.

Zusammenfassung: Ursachen von Antriebslosigkeit

Zu den möglichen Ursachen, die zu Antriebslosigkeit führen, gehören:

  • Depressionen
  • körperliche, emotionale oder geistige Überanstrengung
  • Situationen, die als gefährlich und unkontrollierbar wahrgenommen werden, und die eine Freeze- oder Immobilitätsreaktion unseres autonomen Nervensystems triggern
  • Traumafolgestörungen (PTDSD oder CPTSD)
  • Flüssigkeitsmangel
  • Mangel an bestimmten Nährstoffen, z.B. Eisenmangel, Vitamin-D-Mangel, Vitamin-B-Mangel (B2, B6, B12), Folsäuremangel, Zinkmangel, Kalzium, Kalium
  • stumme Entzündungen im Körper
  • Allergien
  • Cannabis- oder Alkoholmissbrauch
  • Schadstoffe in der Umgebung, z.B. Schimmelpilze
  • diverse Erkrankungen der inneren Organe
  • Infektionskrankheiten (bakterieller oder viraler Art)
  • neurologische Erkrankungen
  • diverse Hormonstörungen, z.B. Hashimoto-Thyreoditis, Schilddrüsenunterfunktion, Adrenal Fatigue / Nebennierenschwäche, Östrogendominanzsyndrom, Prämenstruelles Syndrom

12 Tipps gegen Antriebslosigkeit – was dir helfen kann:

  1. Schritt. Zuerst: Kein Stress. Gib dir Zeit. Vielleicht brauchst du einfach gerade eine Pause.

Wenn du Schritt 1 befolgt hast und du dich immer noch nicht besser fühlst, probiere Folgendes:

  • Bringe dich regelmäßig in Situationen oder tue Dinge, die dein vegetatives Nervensystem beruhigen (zum Beispiel könntest du in die Natur gehen, oder Yoga oder anderen sanften Sport machen).
  • Wenn du dich wirklich körperlich wie erstarrt fühlst, könntest du erst mit minikleinen Bewegungen anfangen und daraus größere werden lassen, das kann die Erstarrung kurzfristig lösen (z.B. erst die Finger bewegen, als würdest du Klavier spielen, dann diesen Schwung mitnehmen und z.B. aufstehen).
  • Probiere aus, ob eine Tageslichtlampe / mehr natürliches Tageslicht dir hilft, mehr Energie zu haben.
  • Teste, ob Kälte dir etwas bringt (sie kann eine auch längerfristig sehr aktivierende Wirkungen haben!) (Beispiele für Kälteexposition sind z.B. Eisbäder/Winterschwimmen / Wild Swimming, Gesicht in kaltes Wasser halten oder kalte Duschen).
  • Massiere deine Ohrmuscheln in kreisenden Bewegungen. Die TCM nennt diesen Akupressurpunkt Shen-Men, und mir gibt er tatsächlich Energie.
  • Probiere, ob Atemübungen dir helfen (zum Beispiele diese einfache Atemübung für mehr Entspannung)
  • Geh zu einem Arzt / einer Ärztin gehen und lasse überprüfen, ob deine Antriebslosigkeit vielleicht durch einen Nährstoffmangel, die Nebenwirkung eines Medikaments oder eine Krankheit verursacht wurde.
  • Schaffe dir eine Umgebung, in der du körperliche Signale von Sicherheit bekommst (z.B. mithilfe einer flauschigen Decke, mit einem heißen Getränk, einem warmen Bad; irgendetwas, das du kennst und magst).
  • Versuche, deinen Kreislauf in Schwung zu bringen, zum Beispiel durch Spazierengehen, Wechselduschen oder Sport.
  • Klingt basic, kann aber schwierig sein: Achte darauf, dass du regelmäßig isst und genügend trinkst.
  • Versuche, antientzündliche Routinen in dein Leben einzubauen (z.B., indem du hochwertige ungesättigte Fette in deine Ernährung einbaust und nicht zu viel Zucker konsumierst)

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