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Angststörung oder Depression durch Hypermobilität? Warum deine Beweglichkeit großen Einfluss auf deine Psyche haben kann

Zuletzt aktualisiert am 12. November 2021 von Elli


Kannst du deine Finger um mindestens 90 Grad nach oben biegen?

Falls ja, könnte das ein Anzeichen dafür sein, dass du hypermobil bist – also „überbeweglich“.

Was bedeutet hypermobil?

Hypermobil bedeutet, dass du deine Gelenke über den normalen Radius hinaus bewegen kannst, egal ob aktiv oder passiv, und zwar, ohne dass du dafür trainiert hast.

Wenn du z.B. deinen Ellebogen durchstreckst, kann es sein, dass du keine gerade Linie siehst, sondern eine Art Bogen. Wie hier:

Oder du kannst vielleicht, wahrscheinlich, einfach so, die Yogapose der rückwärtigen Gebetsstellung einnehmen:

Zwei gute Nachrichten gleich am Anfang:

  1. Hypermobilität an sich ist keine Krankheit. (Es gibt allerdings auch das Hypermobilitätssyndrom, das mit Schmerzen einhergeht, und das als Erkrankung anerkannt ist.)
  2. Du bist in bester Gesellschaft: Man schätzt, dass bis zu 20 Prozent der Bevölkerung überbewegliche Gelenke haben.

Wie entsteht eine Hypermobilität?

Hypermobilität entsteht in der Regel dadurch, dass das Bindegewebe in den Bändern, die deine Gelenke umgeben, durch eine genetische Veranlagung elastischer ist als das anderer Menschen. Das kann einzelne, aber auch die meisten Gelenke betreffen.

Es gibt aber auch hormonelle Einflüsse, die Gelenke beweglicher machen, zum Beispiel im Rahmen einer Schwangerschaft. Überhaupt verändert sich die Beweglichkeit der Gelenke im Laufe des Lebens häufig. Kinder sind zum Beispiel sehr gelenkig, ohne dass das auf eine Hypermobilität hinweisen muss (kann es natürlich, muss aber nicht).

Welche Symptome hat man bei einer Hypermobilität?

Manche haben außer besonderer Beweglichkeit gar keine weiteren Symptome.

Aber es gibt mögliche Begleiterscheinungen!

Mögliche Begleitsymptome einer Hypermobilität (die auf ein Hypermobilitätssyndrom hinweisen können)

  • Muskel- oder Gelenkschmerzen
  • Häufiges Umknicken oder „Verknacksen“ von Gelenken
  • das Gefühl, dass die Gelenke nicht richtig „stabil“ sind
  • Vermehrte Erschöpfung
  • Neigung zu Blutergüssen (zum Beispiel, wenn man einfach nur eine schwere Tasche über der Schulter getragen hat).
  • Verdauungsprobleme
  • Venenprobleme, z.B. Krampfadern
  • dünne / z.T. seidenartige / dehnbare Haut mit Neigung zu Dehnungsstreifen

Weiter unten, beim Punkt „Teste dich selbst: Bist du hypermobil?“, findest du übrigens auch noch einmal eine Grafik, auf der weitere Anhaltspunkte für ein Hypermobilitätssyndrom aufgeführt sind.

Hypermobilität: Abgrenzung von anderen Krankheiten des Bindegewebes

Auch, wenn Hypermobilität an sich keine Krankheit ist (es sei denn eben, man hat dadurch starke Einschränkungen) kommt sie im Rahmen von bestimmten Bindegewebskrankheiten als Symptom vor – zum Beispiel beim Ehlers-Danlos-Syndrom (unter dem übrigens die amerikanische Autorin und Schauspielerin Lena Dunham leidet) oder beim Marfan-Syndrom.

Mehr Informationen zu diesen Krankheitsbildern findest du hier:

Übrigens: Der Übergang von Hypermobilität zum Hypermobilitätssyndrom schien mir im Laufe meiner Recherchen relativ fließend zu sein, zumal manche Beschwerden auch erst im Laufe der Zeit auftreten können. Deswegen schreibe ich im Folgenden zwar meistens von „Hypermobilität“, schließe dadurch ein Hypermobilitätssyndrom aber nicht aus.

Zusammenhang von Depressionen, Angststörungen / Ängstlichkeit und Hypermobilität

Warum erzähle ich dir das alles?, fragst du dich vielleicht.

Weil Forscher*innen herausgefunden haben, dass hypermobile Menschen viel häufiger an Angst- oder Panikstörungen leiden als andere.

Willst du wissen, wie viel häufiger genau?

Bis zu 16 Mal häufiger.

Ich wiederhole: bis zu 16 Mal häufiger.

Auch depressive Symptome kommen bei hypermobilen Menschen häufiger vor als bei einer normal beweglichen Kontrollgruppe.

Ich fand das aus mehreren Gründen total spannend.

Warum es wichtig ist zu wissen, dass Hypermobilität und Angststörungen / Depressionen zusammenhängen können

1. Es macht deutlich, wie wichtig unser Bindegewebe für uns ist. Faszien sind übrigens auch Teil des Bindegewebes – und sie gesund und geschmeidig zu halten, trägt enorm zu unserem Wohlbefinden bei. (Falls du dich für das Thema Faszien und Psyche interessierst, empfehle ich dir, mein Interview mit der Faszientherapeutin Larissa Grassmann zu lesen.)

2. Es zeigt, dass Körper und Geist eng zusammenhängen. Diese Erkenntnis ist leider oft noch nicht zu allen vorgedrungen – weshalb z.B. auch körperliche Ursachen von Depressionen oft übersehen werden. Auch in der Behandlung von Depressionen bleibt der Körper meistens außen vor bleibt.

3. Es kann einen Beitrag zur Entstigmatisierung von psychischen Erkrankungen leisten. Wer psychische Erkrankungen damit abtut, dass sich die betreffende Person „einfach mal zusammenreißen“ soll, hat natürlich total viel nicht verstanden, vor allem aber das nicht: Es kann jeden betreffen, aus den unterschiedlichsten Ursachen heraus.

Teste dich selbst: Bist du hypermobil?

Mit dem so genannten Beighton Score kannst du anhand eines Punktesystems Anhaltspunkte dafür sammeln, ob bei dir eventuell eine Hypermobilität vorliegt.

Der Test wird klassischerweise zusammen mit den Brighton-Kriterien verwendet, um eine Hypermobilität / ein Hypermobilitätssyndrom zu diagnostizieren. Die Brighton-Kriterien (die ich hier in Ausschnitten auf der Abbildung unter „weitere Kriterien für Hypermobilität“ kurz angerissen habe) zielen unter anderem auf Punkte ab, die der Beighton Score nicht abfragt, zum Beispiel, ob Schmerzen bestehen, und wie es mit dem Bindegewebe anderer Organe, zum Beispiel der Haut, aussieht.

Disclaimer: Nur ein Arzt / eine Ärztin kann dir sagen, ob bei dir wirklich eine Hypermobilität oder ein Hypermobilitätssyndrom vorliegt; ich selbst habe keine medizinische Ausbildung, und empfehle dir, bei Beschwerden medizinisches Fachpersonal zu konsultieren. Ich recherchiere sehr genau, aber die hier bereitgestellten Informationen dienen nicht der Selbstdiagnose, sondern der weiterführenden Diskussions meines Blogbeitrags-Themas.

Beighton Score

Die „Hypermobility Syndromes Association“ weist übrigens darauf hin, dass der Beighton Score nur ganz bestimmte Gelenke abfragt, Hypermobilität aber in allen Gelenken vorkommen kann, z.B. auch Kiefer, Schultern etc.

Weitere Kriterien, die neben dem Beighton Score für eine Diagnose herangezogen werden:

Um die Diagnose „Hypermobilität“ zu bekommen, musst du nicht alle Kriterien erfüllen; es ist sogar recht unwahrscheinlich, dass du es tust. Viele haben nur einige Symptome, die aber allesamt in die gleiche Richtung weisen.

Es gibt übrigens noch eine Reihe an weitere Erkrankungen, die gehäuft gemeinsam mit Hypermobilität auftreten können (aber nicht müssen): zum Beispiel Asthma, Karpaltunnelsyndrom, Morbus Crohn, Dysautonomie, Fibromyalgie, Reizdarmsyndrom, Mitralklappenprolaps oder das posturale Tachykardiesyndrom (POTS).

Ist zwar eigentlich klar, aber ich schreibe es hier trotzdem noch mal: Auch, wenn du hypermobil bist, heißt das natürlich nicht automatisch, dass du an einer Angststörung leiden musst. Es bedeutet nur, dass deine Vulnerabilität in diese Richtung im Durchschnitt erhöht ist; das sagt aber nichts über deinen Einzelfall.

Warum sind Menschen anfälliger für Angsterkrankungen, Panikattacken und Depressionen, wenn sie hypermobil sind? 2 Hypothesen.

Hypothese 1: Nicht optimal arbeitendes autonomes Nervensystem

Dem autonomen Nervensystem von hypermobilen Menschen fällt es schwerer, Herzschlag und Blutdruck situationsbedingt schnell anzupassen, z.B. durch schwächeres Bindegewebe in den Venen oder einen Mitralklappenprolaps (also eine ebenfalls bindegewebsbedingte Verformung einer Herzklappe). Dadurch kann es sein, dass die Herzfrequenz sprunghaft ansteigt, was als Angst interpretiert werden kann, jedenfalls aber physiologisch gefühlter Ruhe entgegenläuft.

Vielleicht kennst du das: Draußen sind unheimlich warme Temperaturen, du sitzt in einer überfüllten, überhitzten U-Bahn, hast nichts zu trinken dabei – und als du irgendwann aufstehst, merkst du, dass dir schwindelig wird, deine Beine irgendwie keine Kraft zu haben scheinen, dein Herz total schnell schlägt, und für einen Moment hast du das Gefühl, dass du gleich ohnmächtig wirst.

Das könnte z.B. ein Fall sein, bei dem dein autonomes Nervensystem es nicht schnell genug hinbekommt, deine Kreislaufsituation der veränderten Körperhaltung anzupassen.

Was genau im Körper passiert, wenn wir beim Aufstehen Schwindel etc. empfinden, wird hier sehr gut erklärt, finde ich.

Achtung: Wenn dir das einmal oder ein paar Mal passiert ist, ist das im Umkehrschluss natürlich kein Hinweis darauf, dass du hypermobil bist. Es kann auch einfach sein, dass du zu wenig getrunken hast. Ich wollte mit diesem Beispiel nur illustrieren, wie körperlicher Stress entstehen kann alleine durch eine zu langsame oder unkorrekte Antwort des autonomen Nervensystems.

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Hinweis: Wenn es dir nicht gut geht, empfehle ich dir, dich an einen Arzt oder eine Ärztin zu wenden. Ich selbst bin nicht medizinisch ausgebildet, sondern spreche hier lediglich aus eigener Erfahrung.

Hypothese 2: Größere Amygdala und damit stärkere Wahrnehmung von Stresssignalen des Körpers.

In dieser Studie der Brighton und Sussex Medical School aus dem Jahr 2012 wurden 72 Proband*innen untersucht, von denen keiner an einer diagnostizierten Angststörung litt. 36 Teilnehmende erzielten einen oder mehr Punkte auf dem Beighton Score (was bedeutet, dass der Begriff Hypermobilität hier eher weit gefasst wurde); diese wurden der „Hypermobilitätsgruppe“ zugeordnet.

Nun wurden die Gehirne aller Proband*innen im MRT begutachtet und vermessen.

Das Resultat: Das bilaterale Amygdala-Volumen in der Hypermobilitätsgruppe war signifikant größer als bei den Nicht-Hypermobilen.

Die Amygdala ist Teil des limischen Systems und spielt eine wichtige Rolle beim Erkennen möglicher Gefahren, dem emotionalen Bewerten von Situationen und dem Empfinden von Angst.

Außerdem wurden beide Gruppen auch daraufhin getestet, wie hoch ihre interozeptive Sensitivität war, wie stark sie also ihre inneren Körpersignale wahrnahmen, z.B. Herzklopfen oder angespannte Muskeln. Dabei schnitt die hypermobile Gruppe besser ab, d.h. sie nahm ihre eigenen Körpersignale in höherem Ausmaß war.

Die Forscher*innen schlossen aus diesen Ergebnissen, dass es sein kann, dass diese leicht veränderte Hirn-Anatomie von hypermobilen Personen die Vulnerabilität für Stress und Angstzustände erhöhen kann.

Ein hypermobiler Gruß zu Schluss

Ich hoffe, dass du das Thema genauso spannend fandest wie ich – und dich nicht entmutigt dadurch fühlst, dass Hypermobilität genetisch veranlagt ist und mit verstärken Angstgefühlen oder Depression einhergehen kann. Denn das heißt nicht, dass du jetzt verdammt bist und man gar nichts mehr tun kann.

Das, was ich aus meinen Recherchen mitgenommen habe, ist vor allem auch: welche Rolle das vegetative (also autonome) Nervensystem für uns spielt.

Wenn man davon ausgeht, dass ein überreaktives autonomes Nervensystem mit für die psychischen Komponenten von Hypermobilität verantwortlich sind, dann gibt es vor allem eine Sache zu tun: sein vegetatives Nervensystem beruhigen. Das kann man ja auf viele verschiedene Weisen machen. Meine Lieblingsweise ist (vielleicht weißt du das aber auch schon): Wild Swimming, am liebsten im Winter.

Ach ja, eine Sache fand ich auch noch spannend: Wenn du hypermobil bist und deswegen oft Schmerzen hast, eignen sich laut meinen Recherchen Kontaktsportarten wie Handball oder Training mit schweren Gewichten nicht so gut. Besser sind Sportarten, die eine Tiefenstabilität deiner Muskulatur ermöglichen, zum Beispiel Pilates oder Schwimmen.

Ich winke dir aus der Ferne zu! (Immerhin eignet sich Hypermobilität gut für Partytricks.)

Quellen:

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