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Unterschätzt und oft übersehen: körperliche Faktoren als Ursachen von Depressionen. Ein Interview mit Prof. Dr. Erich Kasten

Zuletzt aktualisiert am 12. November 2021 von Elli

Disclaimer: Dieser Beitrag dient informativen & bildenden Zwecken, und stellt demnach keine Handlungsanweisung und keine medizinische Beratung dar. Wenn es dir nicht gut geht, solltest auf jeden Fall einen Arzt oder eine Ärztin konsultieren.

Was ist Somatopsychologie überhaupt – und warum ist sie wichtig?

Erich Kasten: Den Begriff „Psychosomatik“ kennt heute jeder und gerne schiebt man alle möglichen Unpässlichkeiten darauf, dass es wohl psychosomatisch oder stressbedingt ist. In der Psychosomatik verursachen Sorgen, Ängste, Depressionen usw.  körperliche Störungen, am bekanntesten sind Magersucht, Bluthochdruck oder auch Reizmagen.

Umgekehrt können aber körperliche Erkrankungen auch psychische Störungen nach sich ziehen – und damit beschäftigt sich die „Somatopsychologie“. Psychische Veränderungen bemerkt man an sich schon, wenn man mit Grippe im Bett liegt, man hat Denkschwierigkeiten, Konzentrationsmängel und fühlt sich schlapp, ängstlich und depressiv. Neben Infektionen führen aber z.B. auch Hormonstörungen oder neurologische Erkrankungen zu psychischen Veränderungen.

Warum kennt immer noch kaum jemand den Begriff der Somatopsychologie – obwohl dieses Wissen für viele Menschen mit Depressionen relevant sein könnte?

Erich Kasten: Somatopsychologie ist derzeit kein anerkanntes Forschungsgebiet; es gibt meines Wissens  nur eine halbe Professur in Deutschland dafür und kaum Lehrbücher. Das Spektrum von körperlichen Einflüssen auf psychische Störungen ist so riesig und unüberschaubar, dass hier auch eine Systematik weitgehend fehlt. Man findet im Endeffekt zwar Tausende von Studien, die sich damit beschäftigen, aber der Begriff „Somatopsychologie“ wird hier selten benutzt.

In der Ausbildung gibt es das Fach „Medizin für Psychologen“ oder vice versa „Medizinische Psychologie“ für Mediziner. Beide umfassen aber nur teilweise das Gebiet der Somatopsychologie. Meist werden eher psychosomatische Konzepte besprochen und die Auswirkungen körperlicher Kranheiten eher nur am Rande bzw. eher unsystematisch. Wie gesagt, es fehlt eine Systematik. Oft werden eher sekundäre psych. Folgen besprochen z.B. Depressionen aufgrund einer Krebserkrankung.

Dieses Buch kann als Übersichts- und Nachschlagewerk sehr guten Einblick geben in die Vielzahl von körperlichen Faktoren, die zu psychischen Symptomen führen können.

Man kann sowohl nach Symptomen suchen (z.B. Stimmungslabilität, Antriebsmangel, Müdigkeit), aber auch alle bereits bekannten Krankheiten, die mit Veränderungen der Psyche korrelieren, auf einen Blick finden.

(Copyright des Covers: Reinhardt Verlag)

Welche Zeichen könnten darauf hindeuten, dass die Depression durch körperliche Ursachen (mit)verursacht wurde?

Erich Kasten: Wenn jemand ein absolut glückliches zufriedenes Leben führt und immer depressiver wird, ohne dass ein wirklicher psychosozialer Grund vorliegt, sollte man an eine körperliche Ursache denken.

9 Fragen, mit denen du herausfinden kannst, ob es sein kann, dass eine körperliche Ursache hinter deiner Depression steckt

  • Ist der Depression eine andere Erkrankung vorausgegangen, vielleicht auch „nur“ eine Erkältung?
  • Hast du vor Beginn der Depression mit der Einnahme neuer Medikamente begonnen?
  • Hast du in der Zeit, bevor die Depressionen begonnen haben oder stärker geworden sind, deine Ernährung geändert?
  • Warst du vor Beginn deiner Depression im Ausland und hast dich dort eventuell mit einem Erreger infiziert, der für dein Immunsystem neu war?
  • Hast du dir ein neues Haustier zugelegt (und bist eventuell allergisch dagegen, auch wenn die Allergie-Symptome ansonsten nicht gravierend sind)?
  • Hat sich dein Sportverhalten geändert, d.h. hast du vor dem Beginn deiner Depression mehr oder weniger trainiert als für dich normal?
  • Folgen deine Depressions- und Erschöpfungssymptome einem bestimmten Zyklus?
    (Falls ja, kann das nämlich eventuell für ein hormonelles Ungleichgewicht sprechen. Viele Hormonausschüttungen folgen ja einem bestimmten periodischen Ablauf, sind z.B. in Tages- oder Monatszyklen strukturiert. Wenn hier Störungen vorliegen, äußern diese sich ebenfalls zyklisch.)
  • Profan, aber relevant: Trinkst du genug?
    (Einen Wassermangel bzw. eine Dehydrierung versucht das Herz zunächst durch schnelleres Schlagen und die Steigerung des Blutdrucks auszugleichen, was als nervöse Unruhe wahrgenommen werden kann. Im späteren Verlauf kann es dann Arrhythmien im Herzschlag kommen, zu Schwächegefühl, Kopfschmerzen und Schwindel.)
  • Hast du zusätzlich zur Depression noch körperliche Symptome, die du so bisher von dir nicht kanntest und die auch nicht typisch sind für Depressionen?

Basis-Check Depression beim Arzt: Was sollte man bei depressiven Symptomen überprüfen lassen?

Erich Kasten: Depressionen zeigen sich nicht unbedingt durch das Gefühl von Traurigkeit und Melancholie, oft sind die Betroffenen innerlich leer, können sich zu keinen sinnvollen Tätigkeiten mehr aufraffen, starren den ganzen Tag nur noch ins Leere. Dieser Zustand überlappt sich mit den Gefühlen der Kraftlosigkeit, Unlust, Handlungsblockaden, innerer Unruhe bei ständigem Gefühl der Schlappheit und Müdigkeit bei Menschen, die chronische körperliche Erkrankungen haben.

Überprüft werden sollten im ersten Schritt Parameter des Immunsystems: Leukozyten, Blutsenkungsgeschwindigkeit, Hormone – insbesondere Cortisol, Östrogene, Testosteron usw.

Leider gibt es heute hunderte von Werten, die man bestimmen lassen kann und selbst das sog. große Blutbild reicht oft nicht aus. Hier muss man Detektivarbeit betreiben. Der Band „Mein Trainingsbuch Lebenskraft“ gibt hier ein Raster vor, was man bei bestimmten Symptomen untersuchen lassen sollte – wenn der Arzt das mitmacht.

Reminder: Ob wirklich ein Nährstoffmangel für deine Depression (mit) verantwortlich ist, kann natürlich von einem Arzt oder einer Ärztin festgestellt werden. Diese(n) solltest du auf jeden Fall konsultieren, denn eine versehentliche Überversorgung mit bestimmten Nährstoffen kann umgekehrt auch wieder dazu führen, dass depressive Verstimmungen auftreten.

Eisenmangel und Vitamin-D-Mangel sind zwei Mangelzustände, die Sie in Ihrem Buch Somatopsychologie als depressionsauslösend beschreiben. Wie sieht der Mechanismus, der am Ende zu Depressionen führen kann, dabei aus?

Erich Kasten: Das Hämoglobin, das den Sauerstoff im Blut transportiert, besteht aus Eisen. Ohne Eisen kann das Blut keinen Sauerstoff transportieren. D.h. bei Eisenmangel bricht so ziemlich alles zusammen. Vor allem das Gehirn benötigt riesige Mengen Sauerstoff.

Vitamin D regelt unter anderem den Calcium-Haushalt, Calcium und Natrium wiederum sind zuständig für die Erzeugung eines Aktionspotentials bei der Nerven-Reizleitung. Unter Calciummangel können hier Fehlfunktionen auftreten. Allerdings zieht der Körper dann Calcium aus den Knochen (bis diese brüchig werden). Vitamin D ist auch beteiligt an der Bildung von Schilddrüsenhormonen und an der Funktion des Immunsystems.

Auch die Einnahme von bestimmten Medikamenten kann als Nebenwirkung Depressionen auslösen. Bei welchen Medikamentengruppen ist das besonders wahrscheinlich – und warum?

Erich Kasten: Beispiele sind unter anderem:

  • Neuroleptika
  • Antipsychotika
  • Anti-Epileptika bzw. Antikonvulsiva
  • fast alle immunsuppressiven Medikamente wie Cortison, auch MTX
  • Chemotherapeutika,
  • Östrogene
  • Blutdrucksenker

Die Liste ist fast endlos, auch hier fehlt weitgehend eine Systematik. Die Wirkungsweise ist unterschiedlich; manche Medikamente “beruhigen“ das Gehirn zu stark, andere wirken auf Hormone, insbesondere auf Sexual- oder Stresshormone.

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Hinweis: Wenn es dir nicht gut geht, empfehle ich dir, dich an einen Arzt oder eine Ärztin zu wenden. Ich selbst bin nicht medizinisch ausgebildet, sondern spreche hier lediglich aus eigener Erfahrung.

Welche körperlichen Erkrankungen begegnen Ihnen am häufigsten als Ursache von Depressionen?

Erich Kasten: Nahrungsmittel-Intoleranzen begegnen mir sehr häufig. Viele Leute laufen damit jahrzehntelang herum, fühlen sich immer schlapp und lustlos, ohne zu ahnen, dass man etwas dagegen tun kann.

Im Konsiliarbericht, also dem Bericht, den jeder vor dem Beginn einer Psychotherapie von einem Arzt oder einer Ärztin anfertigen lassen muss, soll eigentlich abgeprüft und ausgeschlossen werden, dass körperliche Erkrankungen hinter den psychischen Beschwerden stecken. Warum reicht das nicht aus?

Erich Kasten: Der Konsiliarbericht ist ein einseitiges Formular mit einem halbseitigen freien Textfeld, in dem der Arzt nur bestätigen muss, dass eine Indikation zur Psychotherapie vorliegt. Hier ist nicht zwangsläufig gefordert, körperliche Erkrankungen völlig auszuschließen. Wenn der Arzt da erst sämtliche Werte bestimmen lassen würde, könnte das den Zugang zu einer Therapie erschweren.

Edit von Elli: Sogar die Bundestherapeutenkammer hat in einer Pressemitteilung von Mai 2019 die oft fehlende Zusammenarbeit von Therapeuten und Ärzt*innen bedauert – mehr dazu findest du hier.

Wie müsste die Zusammenarbeit zwischen Ärzten und Psychotherapeuten aussehen, um mögliche körperliche Ursachen von psychischen Erkrankungen besser im Blick zu haben?

Erich Kasten: Psychologen sollten nicht zögern, ihre Patienten – über den Hausarzt – an Fachärzte zu überweisen und spezielle Untersuchungen anzufordern. Und Psychologen sollten die Normwerte von Blut- und Hormon-Parametern kennen und verstehen, was sie bedeuten. Das wäre schon die halbe Miete.

Was müsste Ihrer Meinung nach passieren, damit das Wissen um die Somatopsychologie fest(er) im Gesundheitssystem verankert wird?

Erich Kasten: Es müssten mehr Lehrstühle an Universitäten eingerichtet werden, die das Gebiet in der Forschung systematisieren und bei Medizinern wie auch Psychologen lehren. 

Wie sind Sie eigentlich auf das Thema Somatopsychologie gekommen?

Erich Kasten: Mich hat immer geärgert, dass viele Patienten, die mit der Verdachtsdiagnose „Depression“ zu mir geschickt wurden, letztlich eine körperliche Erkrankung hatten. 

Wie haben Sie die Relationen von Körper und Geist früher gesehen – und wie heute, nach all den Jahren der Beschäftigung damit? 

Erich Kasten: In meinen jungen Jahren als frischgebackener Diplom-Psychologe habe ich nur die psychische Seite gesehen. Inzwischen weiß ich, dass im menschlichen Körper alles Auswirkungen auf alles andere hat. Es gibt keine wirklich abgrenzbaren Einzelsysteme, egal was irgendwo im Körper passiert, es hat immer Einfluss auf den Gesamtzustand.

Psychologen müssen lernen mehr medizinisch zu denken.

Und Mediziner sollten die psychosoziale Seite mehr hinterfragen und nicht nur auf Werten beharren.

Ausschlaggebend ist das Gesamtbild


Prof. Dr. Erich Kasten ist approbierter Verhaltenstherapeut, Neuropsychologe und als Professor für Neurowissenschaften an der Medical School in Hamburg tätig.

Zum Weiterlesen:

Wie der Körper die Seele krankmacht“ (Spektrum 2019)

Dieser Beitrag hat 8 Kommentare

  1. Hildegard

    Mein Körper hat sehr viel mitmachen müssen.

    1. Elli

      Danke für deinen Kommentar, liebe Hildegard. Es tut mir leid zu hören, dass du körperlich viel durchmachen musstest. Ich wünsche dir nur das Beste!

  2. Monika Weiß-Klaudy

    Guten Abend Herr Professor,

    leider geht es mir seit Jahren ähnlich mit Erschöpftheit, dem Alter nicht entsprechende Kondition und Kraft für dauerhafte Arbeit. Rezidivierende Depressionen, besonders häufig bei schweren Belastungen, mit somatischer Auswirkungen gehabt, die endgültig 2009 festgestellt und therapiert wurden, in der Rheumatologie 2017/2018 eine Fibromyalgie festgestellt. Erste SCHMERZEN schon in der frühen Jugend bemerkt und die konnte man teilweise nicht zuordnen in den 1974 und späteren Jahren. Versuche Gelerntes aus der Verhaltenstherapie umzusetzen, doch starke Schmerzen können depressiv werden lassen. Mit dem Thema Fibromyalgie setze ich mich seit einigen Jahren auseinander, leider nur mit mäßigen Erfolg.

    Herzlichen Dank für Ihre Info

    ,

    1. Elli

      Liebe Monika, das klingt nach vielen Jahren voller Belastungen … Ich hoffe, dass du für dich einen Weg findest, mit dem es dir besser geht. Hast du es – gegen die Fibromyalgie – schon mal mit Kältetherapie, z.B. in einer Kältekammer, probiert? Könnte sich, nach Rücksprache mit deinem Arzt / deiner Ärztin natürlich, lohnen das mal zu testen. Mir hat Kälte bei Muskelschmerzen immer gut geholfen. Viele liebe Grüße zu dir!

  3. Sabine

    Aufschlussreicher Artikel. Ich leide seit 1998 unter Depressionen. Jetzt ist eine posttraumatische Belastungsstörung mit Angstzuständen dazu gekommen.
    Ich werde meine Blutwerte untersuchen lassen.
    Vielen lieben Dank für diesen Hinweis.
    Alles Gute für Sie.
    Gruß Sabine aus Berlin 🙂

    1. Elli

      Liebe Sabine, hab vielen lieben Dank für deinen Kommentar! Es tut mir leid zu hören, dass du schon so lange mit Beschwerden zu kämpfen hast. Ich finde jedenfalls auch, die Blutwerte mal untersuchen zu lassen, ist bestimmt ein sehr guter Schritt, um ein bisschen mehr Klarheit zu haben. Selbst hatte ich übrigens lange mit Eisenmangel zu tun und habe deswegen in einem Artikel genauer dazu recherchiert (findest du unter der Kategorie „Body to Mind“). Vielleicht hilft dir das ja auch weiter. Ich schicke liebe Grüße zu dir!

  4. Meda Simsek

    Guten Tag Herr Professor,
    kann Schilddrüsenunterfunktion zu Depression führen? Oder fälschlicher weise als Depression Interpretiert werden?
    Mit freundlichen Grüßen
    Meda Simsek

    1. Elli

      Liebe Meda,

      hier spricht / schreibt Elli. 🙂 Schilddrüsenunterfunktion kann absolut depressive Symptome verursachen! Habe ich eben für dich noch einmal in Prof. Dr. Kastens Buch „Somatopsychologie“ nachgeschlagen. Ob das bei dir dann tatsächlich auch der Fall ist, kann ich natürlich nicht sagen, aber ein Arzt / eine Ärztin kann dir da bestimmt weiterhelfen!

      Ich wünsche dir aus der Ferne gute Besserung, und schicke liebe Grüße!

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