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Alles, was du über den Zusammenhang von Faszien und Psyche wissen musst – Interview mit Faszientherapeutin Larissa Grassmann

Zuletzt aktualisiert am 12. November 2021 von Elli


Wie kann man jemandem Faszien beschreiben, der noch nie davon gehört hat?

Die ganz kurze Version: Deine Faszien bilden ein dreidimensionales, lebendiges Ganzkörpernetzwerk – das große Auswirkungen auf deine Psyche hat!

Und die etwas längere: Das weiße Bindegewebe ist das Verpackungsmaterial, das dem Körper seine Form und Gestalt gibt. Als innerer Klebstoff sorgt es dafür, dass jeder Muskel und jedes Organ an seinem Platz bleibt, selbst dann, wenn wir auf dem Kopf stehen oder Luftsprünge machen.

Es dient als Stoßdämpfer, Hüll- und Füllmaterial für Organe, Muskeln und Nerven, und versorgt Organe und Muskeln mit Nährstoffen.
Jahrelang wurde das Bindegewebe in der Anatomie als vermeintlich totes Verpackungsmaterial achtlos in den Müll geworfen.

Aber heute weiß man um die herausragenden Eigenschaften dieses geheimnisvollen Gewebes!

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Das Bindegewebe, welches die Muskeln umhüllt, nennt man Faszien.
Diese Faszien haben eine wichtige Bedeutung für den gesamten Bewegungsapparat!

Warum verklebte Faszien für dich zum Problem werden können – egal, wo sie sitzen

Faszien ziehen sich wie Zugbahnen von Kopf bis für durch den Körper. Sie geben dem knöchernen Skelett Halt und richten die Wirbelsäule auf. Sie bringen eine gesunde Spannung ins System. Sie sorgen für reibungslose Bewegung und innere Balance.

Durch die dreidimensionalen Vernetzungen setzen sich Spannungen durch das gesamte Netzwerk fort. Deswegen kann es sein, dass Kopfschmerzen aufgrund einer blockierten Wade entstehen.

Faszien: unser „sechster Sinn“?

Gleichzeitig sind Faszien unser größtes Sinnesorgan. Man sagt, sie sind unser sechster Sinn. Der Sitz der Körperwahrnehmung. Durch sie fühlen wir unseren Körper von innen und von außen und können uns in der Welt orientieren.

Selbst wenn wir die Augen geschlossen haben, wissen wir genau, ob wir stehen oder liegen und wo sich unser großer Zeh befindet.

Faszien als Kommunikationswunder

Faszien sind durchtränkt mit einer Flüssigkeit. Sie sind also richtig flutschig und das ist auch gut so. Denn je flutschiger sie sind, desto müheloser können unsere Muskeln aneinander entlang gleiten.

Gleichzeitig dient diese Flüssigkeit im Fasziengewebe als Kommunikationsmedium. In einem Bruchteil von Sekunden jagen Milliarden Informationen durch das gesamte Bindegewebsnetz, von einem Körperende zum anderen. Jedes Körperteil weiß also immer, was das andere gerade tut, und das Gehirn hat die Kontrolle über jeden einzelnen Körperabschnitt.

Wie hängen Faszien und unsere Psyche zusammen?

Das Gehirn sammelt begierig Informationen aus dem kollektiven Netzwerk. Denn aus dem Sammelsurium der Daten entwirft es ein bestimmtes Körpergefühl.

Sind die Faszien alle elastisch, geschmeidig, dann fühlen wir uns wohl im Körper. Wir fühlen uns sicher, glücklich und voller Energie.

Wir haben eine natürlich aufrechte Körperhaltung und eine authentische Körpersprache. Wir haben einen Plan im Leben und können gesunde Beziehungen zu anderen Menschen eingehen.

Empfängt das Gehirn unzureichende Daten aus den Faszien, sei es, dass sie verfilzt oder verklebt sind, oder dass sie Schmerzen melden, so entwirft das Gehirn ein anderes Körpergefühl.

Wir haben eine schlechte Körperhaltung und die Körpersprache ist weniger ausdrucksstark. Wir fühlen uns unsicher, schlecht drauf, ängstlich, ärgerlich und wissen mit uns und unserem Leben nicht wirklich etwas anzufangen. Beziehungen zu anderen Menschen erleben wir als anstrengend.

Einmal ganz profan ausgedrückt: Geht es deinen Faszien gut, dann geht es dir gut. Geht es deinen Faszien schlecht, dann fühlst du dich auch so.

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Hinweis: Wenn es dir nicht gut geht, empfehle ich dir, dich an einen Arzt oder eine Ärztin zu wenden. Ich selbst bin nicht medizinisch ausgebildet, sondern spreche hier lediglich aus eigener Erfahrung.

Welche Lebensstilfaktoren sind ein Worst-Case-Szenario für Faszien?


Die Hauptursachen für ein Verfilzen und Verkleben der Faszien sind Bewegungsmangel und Stress, sowie negative Gedanken über sich und die Welt.

Das viele Sitzen am Schreibtisch, und die wenige körperliche Auslastung im Alltag lassen das Bindegewebe träge und lasch werden. Es langweilt sich im wahrsten Sinne des Wortes.

Das Fasziengewebe ist von Natur aus passiv. Es kann sich nicht von allein bewegen. Es braucht den Menschen, der es bewegt, dehnt, fordert und herausfordert.

Es liebt maximale Dehnungen in verschiedenen Winkelgraden. Es liebt Aufmerksamkeit und Abwechslung. Es liebt es, herumzuspringen wie ein Kind und die Welt mit allen Sinnen zu entdecken.

Faszien können sich zwar nicht selbst bewegen. Aber bei Stress ziehen sie sich trotzdem selbstständig zusammen – können dann aber nicht mehr von alleine loslassen.

Kommt Dauerstress zum Bewegungsmangel hinzu, so ist das Dilemma vorprogrammiert. Stress hat so viele Facetten, wie es Menschen gibt. Eine unliebsame Arbeit, ständiger Zeitdruck, der Spagat zwischen Familie und Beruf und die ständige Onlinepräsenz lassen das Nervensystem nach oben fahren, als ob wir permanent einer lebensbedrohlichen Situation ausgesetzt wären.

Stress ist ein Überlebensprogramm des Körpers auf eine Bedrohung. Die Faszien im Körper reagieren auf Stress immer gleich: Sie ziehen sich automatisch zusammen und verdicken sich, um den Körper zu schützen. Bei einem Sturz blitzschnell, oder langsam und beständig über Monate und Jahre bei Dauerbelastungen.

Das Bindegewebe hat also eine hohe Schutzfunktion. Es hat die Fähigkeit, Spannungen im Muskel über 20 Jahre und länger aufrecht zu halten. Ein Muskel hingegen würde nach 20 Minuten schon schlapp machen.

Selbst ein einziger negativer Gedanke hat die Macht, dass sich das Netz irgendwo im Körper ein Stück zusammenzieht!

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Welche Auswirkungen auf Körper und Psyche hat es, wenn eine Faszie verklebt?

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Jetzt hat der Körper nicht nur mit äußeren Konflikten zu kämpfen, sondern auch mit inneren.

Wir kämpfen mit Ängsten und Unsicherheiten, mit dem Gefühl der Überforderung, Wutausbrüchen, Stimmungsschwankungen, bis hin zu Depressionen.

Ein Teufelskreis entsteht. Der Körper ruft nach Entspannung und weiß aber nicht mehr, wie Entspannung funktioniert.

Was kann Faszienarbeit leisten?

Durch manuelle Arbeit am Fasziennetz kann man den Körper von lange festgehaltenen Blockaden und Anspannungen befreien.

Erlebnisse, die unbewusst im Bindegewebe abgespeichert waren, können nochmal erinnert, verarbeitet und gelöst werden. Die festgehaltene Energie wird endlich frei und steht dem Körper wieder zur Verfügung.

Die gute Nachricht ist, dass jedes System wieder lernen kann, sich zu regulieren. Achtsamkeitsbasierte Therapieformen bringen hier Hilfe. Sei es durch Yoga, Feldenkrais, Faszientherapie oder Körperorientierte Psychotherapie.

Wie fühlt sich das an, nach einer Faszientherapie?

Wenn sich der Körper in seiner vollen Größe und Gestalt mühelos von innen wieder aufrichten kann, ist er automatisch ästhetisch, anmutig und schön.

Der Körper ist anpassungsfähig und hat gleichzeitig Widerstandskraft, was sich unweigerlich auf unser psychisches Wohlbefinden auswirkt.

Er fühlt sich weich und flexibel und gleichzeitig kräftig und stabil an.

Wenn der Körper von einschränkenden Verklebungen befreit ist und überall wieder ein Körpergefühl existiert, dann kann das Nervensystem vom Überlebensprogramm in einen sicheren Modus schaltet und sich entspannen.

Wir fühlen uns wieder lebendig, strahlen von innen heraus und haben eine Orientierung im Leben und können auf Schwierigkeiten und Herausforderungen mit einer inneren Gelassenheit reagieren.

Wir sind in der Lage kreative Lösungen zu finden und mutig für uns einstehen.

Gelassenheit und Selbstbewusstsein sind Eigenschaften, die auf mich eine anziehende und heilsame Wirkung haben! Deswegen wünsche ich mir ganz viele Menschen auf dieser Welt, die diese Eigenschaften in sich entdecken und andere damit anstecken!

Welche drei Dinge findest du selbst nach vielen Jahren als Faszientherapeutin nach wie vor superspannend?

1. Spannend finde ich die Dreidimensionalität des Körpers.

Wir leben in einer dreidimensionalen Welt. Also müssen wir den Körper auch aus dieser Perspektive betrachten.

2. Extrem spannend finde ich auch die hohe interne Vernetzung von Faszien, Nervensystem und Psyche.

Wenn ich mit den Faszien arbeite dann arbeite ich genau an dieser Schnittstelle.

Manchmal ist es notwendig, das Nervensystem zuerst zu entspannen, um überhaupt an den Faszien arbeiten zu können. Manchmal ist ein Gespräch vorneweg sinnvoll, um Vertrauen aufzubauen und etwas über die Geschichte und Erlebnisse des Menschen zu erfahren. Manchmal ist die direkte manuelle Arbeit an Blockaden im Bindegewebe der Schlüssel zum Erfolg. Manchmal alles drei zugleich.

Das Wichtigste ist, dass ich mit dem Klienten in einen guten Kontakt komme. Erst wenn sich das System sicher fühlt und mir vertraut, können Veränderungen im Gewebe geschehen.

Therapie gestaltet sich als ein höchst achtsamer, kreativer Prozess, der jedes Mal anders ist.

Es wird also nie langweilig! Automatismus und Fließbandarbeit, wie ich es aus der klassischen Physiopraxis kenne, sind absolut störend und hinderlich für diesen Prozess.

3. Mein Faszinationspunkt Nummer 3: Faszienarbeit als sanfte Bildhauerei am Körper

Weil das Gewebe formbar ist, wird der Erfolg meiner Arbeit oft sofort spürbar und sichtbar.

Manchmal in kleinen Schritten, manchmal in großen erstaunlichen Veränderungen.

Erkennen kann man das daran, dass zum Beispiel eine Bewegung frei fließt oder sich der Körper mehr aufrichtet, sich stabiler anfühlt oder weniger Schmerzen meldet. Dafür ist es wichtig, dass der Klient seine Körperwahrnehmung immer mehr schult, um auch kleinste Veränderungen wahrzunehmen.

Welche 5 Tipps hast du für geschmeidige & glückliche Faszien?

1. Alles, was Du denkst, hat eine unweigerliche Wirkung im Körper/Faszien.

Schließ doch mal die Augen und stell Dir vor, wie Du herzhaft in eine Zitrone beißt. Spüre, was in Deinem Mund und Deiner Zunge passiert.
Wahrscheinlich wirst Du merken, wie sich der Mund zusammenzieht, obwohl Du nur daran gedacht.

Achte also auf Deine Gedanken. Nähre Deine guten Gedanken, denn sie nähren das Fasziennetz. Schlechte Gedanken machen das Netz unelastisch und fest.

2. Lerne zu entspannen.

Nie zu vor war es so wichtig, dass wir lernen, unser Nervensystem zu entspannen, wie im digitalen Zeitalter. Ein entspanntes Nervensystem ist die Grundvoraussetzung für ein elastisches und freies Bindegewebe.
Eine Faszienrolle kann wahre Wunder bewirken und Alltagsverspannungen lösen.

3. Bewege Dich regelmäßig und hab Spaß dabei.

Probiere neue Dinge aus, die Deine volle Aufmerksamkeit fordern. Klettern, Inlineskaten, Trampolinspringen Tanzen, Reiten. Finde etwas, was Dich herausfordert und glücklich macht.

Faszien-und-Psyche-welche-Rolle-Freude-dabei-spielt

Buche einen Faszienkurs oder besorg Dir ein Buch und lerne Faszientraining, Qi Gong oder Yoga. Hauptsache, es interessiert Dich und Du übst gerne.

4. Schalte so oft wie möglich Dein Handy offline.

Lerne die Langeweile auszuhalten, die sich unweigerlich bemerkbar macht. Unser Nervensystem ist für die permanente Reizüberflutung der sozialen Medien nicht ausgelegt. Und gleichzeitig sind wir süchtig nach immer mehr Reizen. Wir müssen unserem Gehirn Verschnaufpausen einräumen, in dem es all die Informationen verarbeiten kann. Ständige Onlinepräsenz und Computerarbeit ist eine der Hauptgründe für viele hartnäckigen Nackenverspannungen, Schlafprobleme und Burnouts! Letztendlich sind einfach die Leitungen durchgebrannt!

5. Für eine kleine Abkühlung Deiner Nerven im Büro: Mach alle 60 bis 90 Minuten Pause.

Schließe Deine Augen, und friere für 2 bis 5 Minute Dein Gesicht und Deine Körper in Bewegungslosigkeit ein. Lenke Die Aufmerksamkeit auf Deine Atmung und beobachte was in Dir passiert. Ohne etwas zu bewerten. Wenn Du nicht weißt, auf was du achten sollst, dann konzentriere Dich nur auf Deine Atmung, das ist schon völlig ausreichend. In dieser Zeit gibst du deinem Nervensystem Zeit sich zu regulieren. Das tut es ganz von selbst, wenn Du ihm die Möglichkeit lässt und dich einfach nur zurücklehnst und die Aufmerksamkeit nach innen lenkst.

Was ist deine persönliche Geschichte zum Thema Faszien?

Als verträumtes Kind war ich fasziniert von Menschen und Dingen, die sich scheinbar verwandeln konnten. Sei es das hässliche Aschenputtel, das sich durch ihren Mut und ihre Beherztheit in die wunderschöne Prinzessin verwandelte und das Herz des Prinzen eroberte. Oder sei es die Kunstfertigkeit eines Bildhauers, der es vermochte, mit bloßen Händen einem Steinklumpen Leben einzuhauchen. Alles, was mit einer Verwandlung zu tun hatte, die man sich nicht so recht erklären konnte und an die kein Mensch so recht glaubte, fesselte meine Aufmerksamkeit und ließ in mir ein Knistern entstehen, das mich nach solchen Dingen suchen ließ. Ich wünschte mir selbst am allermeisten eine solche Verwandlung, mit der ich mich und andere Menschen überraschen und begeistern konnte.

Als ich in der Physiotherapeutenausbildung 2002-2006 das erste Mal von den Faszien hörte und sah, wie mein Lehrer einen Körper berührte, der unter seinen Händen schier zu schmelzen begann und regelrecht seine Form veränderte, war es um mich geschehen.

Er zeigte mir Fotos von einem Mann, dessen Körperhaltung sich nach einer Behandlungsserie seiner Faszien sichtbar verändert hatte. Gleichzeitig war sein emotionaler Ausdruck ein ganz anderer. Dieser Mann sah definitiv anders aus als zuvor. Und zwar eindeutig besser!

Ab da wusste ich: Das wollte ich auch können. Wenn ich den Zauber der Verwandlung in mein Leben holen wollte, dann musste ich wissen, wie man mit den Faszien arbeitet. Und so nahmen die Dinge ihren Lauf. Ich lernte meinen Mann kennen und seine Berührung traf in mein Herz. Er lehrte mich, wie ich mit den Faszien arbeiten musste, damit sich nicht nur oberflächliche, kurzfristige Erfolge einstellten, sondern nachhaltige, tiefe Veränderungen geschahen.

Letztendlich hatte ich am eigenen Leib erfahren, wie ich mich durch eigene Faszienarbeit von einer Raupe zum Schmetterling entpuppte. Ich verwandelte mich von einer verunsicherten Träumerin in eine Frau, die ihr Leben selbst gestaltet und den Traum vom eigenen Faszienatelier in Nürnberg verwirklicht hat. Diese Verwandlung ist neben meinem Mann und meiner Tochter eines der größten Geschenke in meinem Leben und meine Mission ist es heute, anderen Menschen eine ähnliche Erfahrung zu ermöglichen.

Für mich ist klar: Faszien sind das Organ der Verwandlung!


Larissa ist ausgebildete Physio- und Faszientherapeutin mit einer eigenen Praxis in Nürnberg. Auf ihrem Blog findest du weitere spannende Einblicke in die Welt der Faszien!

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