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5 Gründe, warum es wichtig ist, die kreativen Seiten deiner Persönlichkeit auszuleben

Zuletzt aktualisiert am 15. Oktober 2021 von Elli


Gastbeitrag von Stefan Sprang


Stefan Sprang, geboren 1967, ist Schriftsteller und Hörfunkredakteur. Mit dem literarischen Schreiben begann er Mitte der 80er Jahre und hat seitdem einige Romane veröffentlicht, zuletzt „Henry Becker und der Sommer der Erinnerung“.

Stefan Sprang (Copyright: Peter Schiborr)

Stefans und meine beruflichen Wege haben sich vor ein paar Jahren gekreuzt, und seitdem haben wir einfach nicht mehr aufgehört, uns über Literatur und das Schreiben auszutauschen. So kann das gehen! In diesem Gastbeitrag erzählt er davon, warum das Schreiben für ihn so wichtig ist, vom Glücklichsein zwischen den Zeilen – und nicht zuletzt davon, was es mit dir machen kann, wenn du deinen kreativen Impulsen Raum gibst.


1. Du gehst viel aufmerksamer durchs Leben.

Was ist das im Grunde wichtigste Utensil für mich, wenn es um das Schreiben geht? Es ist ein kleiner Block in der Jackentasche, manchmal ist es auch das Handy wegen der Notizfunktion. Denn ich bin ein Sammler geworden.

Seit ich angefangen habe, Geschichten zu schreiben (und vor fünfzehn Jahren auch ganze Romane und Stücke), gehe ich viel aufmerksamer durch die Welt. Denn die ist ja mein Stoff, meine Inspiration. Um mich herum finde ich so viel Material, so viele Eindrücke, die ich in meine Texte einbauen kann.

Und das muss ich oft aufschreiben. Draußen bin ich auch nie mit Kopfhörern oder Mucke auf den Ohren unterwegs. Es gibt so vieles zu hören: kleine witzige Dialoge zwischen Kids in der U-Bahn oder zwei älteren Damen vor einer Haustür. Es gibt so vieles zu sehen: Eine Wolkenformation am Abendhimmel. Vor ein paar Jahren in Wien habe ich auf einem Werbeplakat mal das Wort „Verlassenschaften“ entdeckt. Ich habe den Helden in meinem letzten Roman „Henry Becker und der Sommer der Erinnerung“ an einer Stelle darüber philosophieren lassen: Dass es so viel schöner und treffender ist als unsere hochdeutschen Begriffe wie „Nachlass“ oder „Erbschaft“.

Copyright: Größenwahn Verlag

Wenn ich zu Fuß unterwegs bin, dann übe ich aber auch: Ich versuche, das Gesehene und Gehörte zu beschreiben in einem Selbstgespräch. Nach all den Jahren merke ich dann auch, dass dadurch mein Wortschatz, und das ist für mich wirklich ein so wunderbarer Schatz, größer geworden ist. Dank seiner kann ich mich auch im Alltag besser ausdrücken.

Schauspieler*innen beobachten Menschen, wer malt, sammelt visuelle Eindrücke, Leute, die Musik machen, haben viel offenere Ohren: für Geräusche, Sounds, Melodien. Diese Offenheit für alle Sinneseindrücke verbunden mit der ständigen Übung, das alles in die eigenen Ausdrucksformen zu bringen, das ist für mich nicht nur als Schriftsteller wichtig – es hat mich auch als Mensch weitergebracht, weil ich entdeckt habe, wie viel Überraschendes, Witziges, Kurioses, Wohlklingendes, Leuchtendes und Schönes in der Welt um uns herum ist, die einem
auf den ersten Blick immer wieder so grau und monoton erscheinen mag.

2. Du kommst mit neuen spannenden Menschen in einen Austausch.

Kaum hatte ich angefangen, zu Schulzeiten erste Gedichte und kleine Geschichten zu schreiben, hatte ich den Wunsch, meine Texte vorzutragen, aber auch, mich mit anderen auszutauschen. Ich hatte großes Glück: In Essen war damals eine Gruppe junger Autor*innen dabei sich zu gründen. Die hat sich in einmal im Monat in einer Buchhandlung getroffen. Ein Laden wie aus dem romantischen Bilderbuch: Regale über Regale voller Bücher, alles kreuz und quer und schummerig. Nur Reinhard, so schien es, der Buchhändler wusste sofort, wo er was finden konnte.

Damals in den 80er Jahren habe ich Menschen getroffen, mit den ich heute noch Kontakt habe. Später habe ich dann auf ganz unterschiedlichen Wegen andere Autor*innen kennen gelernt: Bei Seminaren zum Beispiel, bei meiner Einladung zu einem Literaturfestival in Oslo oder einfach über „Facebook“. Raphael vom „Theater Essen-Süd“, das mich zum „brotlosen Hausautor“ ernannt hat, ist ein toller Freund geworden.

Ich denke an Martin Spieß, ein so kreativer Mensch, den ich noch nie „live“ getroffen habe, aber einer, mit dem ich immer wieder mal im Austausch bin über das Schreiben, das Leben und die Dinge, die wirklich wichtig sind. Das sind Begegnungen und Verbindungen, die so wichtige Seelennahrung sind in der Graubrot-Routine des Alltags.

Wir alle brauchen Begegnungen mit anderen Menschen, zehren vom Austausch.

Lesungen, Konzerte, Ausstellungen – auch wenn man dort vielleicht nur ein paar Worte wechselt mit Gästen und jemandem aus dem Publikum: Ich möchte das nicht missen, gebe aber zu, dass ich schon auch neidisch bin auf all die um mich herum, die schon im kreativen Tun mit anderen zusammen sein können: In einer Band, die jeden Sonntag probt oder in einem Theaterensemble. Oder auch in einer „Bastelrunde“, die ein Freund von mir regelmäßig besucht. Der baut mit großer Kreativität extrem filigrane Eisenbahn-Modelle mit selbst gefertigten, oft sogar beweglichen Teilen, die man nur unter der Lupe erkennt.

Da ist das Schreiben eine sehr einsame Geschichte, zumindest am Schreibtisch und vor dem Notebook. Umso mehr freue ich, wenn ich wieder mit einem Kollegen oder einer Kollegin Kontakt habe, Menschen, die ich nie getroffen hätte, wäre ich nicht kreativ geworden. Und diese Momente sind für mich eine große Bereicherung, sie schaffen viele positive Erinnerungen. Die mich dann auch motivieren, dran zu bleiben, auch dann, wenn ich mich etwas „schreibmüde“ fühle.

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3. Du erlebst viel mehr Glücksmomente.

Es gibt sie schon lange, die „Glücksforschung“. Vor vielen Jahren habe ich als Journalist mal einen längeren Artikel darüber geschrieben. Dabei habe ich gelernt, was Glücksmomente eigentlich sind: Der Begriff der Wissenschaft dafür ist „Flow“, meint ein „Fließen“ oder „Strömen“.

Und dieses Glücksgefühl stellt sich immer dann ein, wenn man restlos aufgeht in einer Tätigkeit und wirklich tief versunken ist in dem, was man vor sich hat. Geist und Seele sind gemeinsam voll konzentriert.

Und plötzlich geht alles „wie von selbst“, man ist in einem kleinen Rausch wie beim Joggen, wenn sich trotz nahender Erschöpfung das „Runner’s High“ einstellt, man merkt nicht wie die Zeit vergeht. Ich schaue auf die Uhr und denke: „Waaas, es ist schon vier Uhr morgens??? – Jetzt aber wirklich Feierabend!!“ – Natürlich mache ich durchaus noch eine Stunde weiter, denn die Lust, etwas zu schaffen, die ist dann unbändig.

Sicher, es gibt es auch viele Frustrationsmomente, wenn man kreativ wird. Das, was man sich vorgenommen hat auszudrücken, will auf dem Papier, der Leinwand, dem Notenblatt oder im Licht der Bühnenscheinwerfer einfach nicht auftauchen. Es fehlt die richtige Metapher, die Geste, das besondere Detail, der entscheidende Farbkontrast.

Aber genau diese Herausforderung braucht es. Stellt man sich ihr mit Geduld – da komme ich in Punkt 5 noch einmal darauf zu sprechen – dann kann man den Knoten irgendwann durchhauen. So geht es übrigens auch meinem Modellbahn-Kumpel. Auch der stellt sich immer wieder neuen Herausforderungen bei den Mini-Mini-Details, er sinniert, er probiert.

Und wenn er die Lösung hat, dann macht ihn das schlicht glücklich. Manchmal braucht es Zeit für die besonderen Momente, manchmal gehe ich unzufrieden mit meinem Tagwerk ins Bett, lese am anderen Nachmittag die mutmaßlich suboptimale Passage und stelle fest: „Yeah, das ist doch gut geworden!“

Natürlich darf man sich auch nicht übernehmen. Bei jedem meiner Romanprojekte habe ich mir nur EINE wesentliche Aufgabe gestellt. Bei „Fred Kemper und die Magie des Jazz“ war es der Wunsch, die Musik und das Spiel der Musiker*innen möglichst erleb- und fühlbar in Worte zu fassen. Dafür hat der Roman jetzt keinen besonders komplexen und originellen Aufbau und sicher auch noch einige Schwächen, auf die in Kritiken zurecht hingewiesen worden ist.

Aber da gilt es, sich weiterzuentwickeln, die Liste der gewählten Herausforderungen länger zu machen, sich ihnen zu stellen und dann auch wieder ganz neue Glücksmomente in der Kreativität zu finden.

Wie wichtig das Kreativ-Sein ist für die Glücksmomente und den „Flow“ im Leben, das habe ich auch gemerkt, als ich mit Raphael vom „Theater Essen-Süd“ einen Abend verbracht habe, kurz bevor es wieder losgehen konnte nach dem Lockdown. Er war so happy, so voller Vorfreude: Wie oft er „endlich wieder“ gesagt hat, das konnte ich nicht einmal mehr zählen.

Rapha wollte nicht nur spielen, das war und ist mehr: Es ist ein tiefes inneres Bedürfnis.

Ausgelebte Kreativität, sie kann so wichtig werden wie essen, trinken und atmen.

Und darum habe ich auch schon wieder neue Projekte in der Mache. Ich kann nicht mehr anders, auch wenn meine Geduld strapaziert werden wird und ich mir den „Flow“ immer wieder werde erobern müssen. Aber bei mir ist das Grundbedürfnis, etwas zu schaffen und in die Welt zu bringen, das Bestand hat, größer als die Mühen, die auf mich warten werden. Womit wir beim nächsten Punkt sind …

4. Du schaffst etwas, das bleibt.

In allen meinen kreativen Projekten habe ich als Stefan Sprang Spuren hinterlassen, habe auf eigene Erfahrungen zurückgegriffen und ein bisschen „autobiographisch“ geschrieben. Das ist ja immer die große Frage, wie viel von den Autor*innen auch in den Figuren drin steckt. Ich bekenne mich dazu, dass das bei mir schon einiges sein kann. Aber ich bin eben auch einer, der am besten über das schreibt, das er einfach kennt (Mittelalterromane wären nicht so mein Ding).

Dabei gibt es aber noch einen anderen Aspekt: So sind und werden meine Romane für mich auch zu ganz persönlichen Erinnerungsbüchern. Da sitze ich dann, so stelle ich mir das öfters Mal vor, alt und richtig grau geworden in meinem bequemen Sessel und lese in meinen Texten und: Ich erinnere mich an mein eigenes Leben! An die Siedlung, in der Opa und Oma „Schonnebeck“ gelebt haben, an eine große unglückliche Leidenschaft oder einen Abend in Frankreich, an dem ich Fledermäuse auf Insektenjagd im funzeligen Licht einer Laterne beobachtet habe.

Das, was ich aufgeschrieben habe, es bleibt.

Und nicht nur ich kann es natürlich lesen. Meine Bücher werden auch dann noch irgendwo in Regalen stehen, wenn ich nicht mehr bin. Und vielleicht nimmt sie jemand heraus und liest meine alten Geschichten. Ich weiß, das hat schon was von: „die sind meine Kinder“. Ein bekannter Schriftsteller, dem ich mal bei einem Seminar zugehört habe, hat zwar gesagt, das sei Quatsch mit diesem Gedanken, dass die Texte wie eigene Kinder sind. Er wollte das nicht so sehen, aber ich selber komme von der Idee nicht los.

Und vielleicht geht es ganz vielen so, die etwas schaffen, zum Beispiel auch all das Handwerkliche: ein Möbelstück, das man mit Herzblut gebaut hat, eine Vase, die man getöpfert hat und einem besonderen Menschen geschenkt. Etwas zu schaffen, was mit der ganz eigenen Schöpferkraft aus der persönlichen Vorstellungskraft heraus in die Welt kommt und über einen hinaus wirkt, das ist, und da stehe ich wahrscheinlich nicht allein da mit der Überzeugung, das ist, was uns Sinn gibt und etwas ureigen Menschliches ist.

Leider haben viele von uns nicht die Berufe, die Aufgaben oder Lebenssituationen, in denen sie etwas Bleibendes herstellen können.

Wer anfängt, seine Kreativität auszuleben, der erfindet, formt, erdichtet, kreiert, komponiert, gestaltet, der schöpft aus der Welt und aus sich und schafft etwas, das bleibt. Und ich kann nur sagen: Das ist gut für die eigene Zufriedenheit, für das Selbstvertrauen, das Lebensglück und alles zusammen die Gesundheit der Seele.

Übrigens: So richtig losgelegt als Autor habe ich, als ich selbst in einer beruflichen Krise war, mich gemobbt und degradiert fühlte. Damals habe ich mich ein Stück neu erfunden. Klar, dazu gehört eben auch – siehe oben – die Resonanz. Natürlich genieße ich es auch, wenn es Lob gibt, wenn Leser*innen mir sagen, dass ihnen meine Arbeit gefällt und ich merke, genau das war es, was ich wollte mit meinem Text, das hat offenbar funktioniert. Aber auch Kritik (wenn sie gut begründet und nicht bewusst verletzend ist), ist mir recht, denn das ist ja eine Form von Respekt mir und meiner Arbeit gegenüber, und man kann davon viel lernen.

5. Du wirst geduldiger mit Dir und dem Lauf der Dinge.

Da ich nicht jeden Tag an meinen literarischen Texten schreiben kann – ich habe ja noch meinen Beruf als Journalist – dauert es von der ersten Idee bis zur ersten Version oder gar Veröffentlichung ganz schön lange. Bei meinem Roman „Ein Lied in allen Dingen – Joseph Schmidt“ waren es am Ende sogar über 25 (!) Jahre.

Im Sommer 1992 hatte ich beim Einzug in eine neue Wohnung in Berlin in den Hinterlassenschaften des Vormieters eine LP entdeckt: „Joseph Schmidt – Ein Lied ging um die Welt – Das JOSEPH SCHMIDT-Album“. Damals hatte ich nur wenig übrig für Oper und klassischen Gesang. Aber ich habe die beiden Platten einfach mal aufgelegt. Und das war, so pathetisch muss ich das sagen, ein Erweckungserlebnis.

Eine engelsgleiche Stimme, Gesang eines Mannes, wie ich ihn noch nie erlebt hatte – ergreifend von der ersten Note an. In der Plattenhülle: Ein Abriss von Schmidts unglaublichem Schicksal: Ich wusste, ich muss über diesen so besonderen Menschen schreiben. Etwas Literarisches, einen Roman über diesen Joseph Schmidt.

Die erste Zeile habe ich dann erst fast 20 Jahre später in mein Notebook getippt. Klar, dass ich nicht schneller war, hatte viele Gründe, zum Beispiel wurden die Recherche-Möglichkeiten erst dank Internet besser, aber wie auch immer: Ich hatte die Geduld, auch als es dann wirklich ans Schreiben ging.

Gerade Literatur braucht Zeit, manchmal schraube ich an einem Satz eine Stunde, ich suche wieder und wieder nach Synonymen, dem besseren Begriff oder Bild.

Ich stelle die Sätze um und mache doch alles wieder rückgängig. So ist es ja auch bei Theaterproben oder beim Einstudieren eines neuen Songs.

Auch wenn es nervt, ohne Geduld geht es nicht.

Auch wenn es da am Anfang mangeln mag und man mit sich hadert – meine Erfahrung: die Geduld stellt sich irgendwann ein. Und wird zu einem wichtigen Teil des Selbstvertrauens, dass man schaffen kann, was man schaffen möchte – wenn man nicht ungeduldig wird.

Oder wie ein chinesisches Sprichwort treffend sagt: „Jede Reise beginnt mit dem ersten Schritt“. Und dann kommt noch einer und noch einer … und mit jedem kommt man dem Ziel näher.

Und auf den Punkt gebracht …

Wenn du auch den Impuls verspürt, kreativ zu werden: LOSLEGEN! Denn ich bin mir sicher: Wenn du erst einmal angefangen hast, findest du noch viel mehr als „nur“ fünf gute Gründe, die dafür sprechen, mehr kreativen Freiraum in dein Leben zu lassen.


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