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Was passiert, wenn du keine Grenzen setzen kannst: 6 traurige Wahrheiten

Zuletzt aktualisiert am 17. Mai 2021 von Elli


Heute Nacht träumte ich, dass ich in eine kleine, ziemlich dunkle Garage umzog. Sie war vollgestellt mit Möbeln, die nicht meine waren, und mit einem anderen Haus verbunden.

Ich sah mich um in meiner neuen Wohnung und bemühte mich nach Herzenskräften, sie schön zu finden. „Ist doch ganz nett“, sagte ich mir immer wieder laut vor. Die Möbel stammten offensichtlich von verschiedenen Besitzern mit verschiedenen Geschmäckern, aber nun standen sie hier, in meiner Wohnung, und wollten irgendwie miteinander verbunden werden.

Während ich noch überlegte, ob und wie ich damit jemals ein harmonisches Gesamtbild erschaffen könnte, klopfte die erste Person an die Tür. Sie entschuldigte sich – sie müsse nur kurz durch die Garage, in das anschließende Haus dahinter. Danke und ciao!

Hinter sich ließ sie die Garagentür offen. Aber noch bevor ich sie wieder schließen konnte, kamen die nächsten. Sie wollten nur kurz durch. Sorry, gell? Danke und ciao!

„Nein, gar kein Problem! Stört mich wirklich ÜBERHAUPT NICHT!“

Schließlich kamen ganze Gruppen.

Ich wohnte inmitten eines Hauptverkehrswegs, stellte ich fest, während ich immer neuen Leuten Platz machte, die sich neben mir durchdrängelten, und ihnen versicherte, dass es wirklich kein Problem sei, gar kein Problem, man helfe doch, wo man könne!

Meistens waren die Personen schon wieder verschwunden, bevor ich fertig versichert hatte, dass es wirklich gar kein Problem sei.

Irgendwann drehte ich mich von der Tür weg und hin zur Innenseite der Garage. Dort stand ein dunkler Mahagoni-Essstisch, den gerade jemand für einen Brunch vorbereitete.

Allerdings: Der Brunch hatte nichts mit mir zu tun – und die Person, die ihn vorbereitete, auch nicht.

Als ich wieder aufwachte, verspürte ich das dringende Bedürfnis, eine Mauer um mein Bett herum zu bauen. Eine schöne kleine Grenze, die niemand durchbrechen konnte. Wo ich selbst die Tür öffnen und wieder schließen konnte.

Freudianer – meldet euch!

Ich habe keine Ahnung, was dieser Traum einem Freudianer gesagt hätte.

Aber ich weiß, was er für mich bedeutet: dass ich lange Zeit ziemlich viel Verständnis für andere hatte – und ziemlich wenig für mich selbst. Grenzen zu setzen kam mir gar nicht erst in den Sinn – bis ich merkte: Diese fehlenden Grenzen machen etwas mit mir. Es fühlte sich an, als würde ich ständig Energie verlieren, ohne jemals welche zurückzubekommen.

Ich erkläre mir diesen Energieverlust damit, dass da zwei Impulse in einem sind, die sich gegenseitig ausschließen:

  1. Man möchte der anderen Person helfen / gemocht werden / nicht unangenehm auffallen.
  2. Man möchte eigene Werte vertreten / authentisch bleiben / sich selbst schützen.

Beide Impulse sind absolut nachvollziehbar – und am Ende kommt es nicht darauf an, dass du dem zweiten Impuls immer nachgeben sollst, wenn du mehr Leichtigkeit & Authentizität in deinem Leben haben möchtest.

Es geht einfach nur um die Balance.

Es geht in deinem Leben immer auch um andere Menschen. Es muss in deinem Leben aber auch genügend um dich selbst gehen – darin besteht der Balanceakt.

Was die ganze Geschichte noch schwieriger macht: dass wir es oft nicht einmal mehr merken, wenn wir zugunsten anderer unsere eigenen Grenzen überschreiten.

Aber Rettung naht! Wenn du dich in der untenstehenden Liste wiedererkennst, kann es sein, dass du in deinem Alltag nicht oft Grenzen setzt, selbst dann, wenn es dich belastet.

Achtung: Ich spreche hier nur über den Fall, dass du es da versäumst, Grenzen zu setzen, wo Grenzen möglich wären – nicht über die Situation, dass man Opfer von Menschen wird, die ständig mutwillig die Grenzen anderer übertreten. Bei solchen Personen hilft ein „Nein“ oft nicht viel – bei vielen anderen dagegen schon. Auch, falls du Erfahrungen mit traumatischen Erlebnissen machen musstest, solltest du dich absolut nicht angesprochen fühlen als jemand, der eine Grenze hätte setzen können. In einem Traumageschehen greifen oft physiologische und psychologische Prozesse, die eine aktive Reaktion verhindern.

Anzeichen, die darauf hinweisen, dass du eine Grenze setzen solltest, um dich selbst zu schützen

  1. Du hast oft ein leises „Aber“ auf der Zunge schluckst es aber hinunter.
  2. In deinem Kopf baut sich sofort ein Berg an Gründen auf, warum es wichtig ist, auf die andere Person Rücksicht zu nehmen. Daran, dass es eventuell auch einmal nötig sein könnte, dass andere auf dich Rücksicht nehmen, denkst du nicht.
  3. Im Zweifelsfall bist du dir der Bedürfnisse und Motivationen anderer mehr bewusst als deinen eigenen.
  4. Du willst die Gefühle anderer nicht verletzen und nimmst dich deshalb zurück.
  5. Du verspürst stets das dringende Bedürfnis in dir, dich zu entschuldigen – auch vorbeugend, für den Fall, dass du gleich jemanden verletzen könntest.
  6. Du fragst dich nicht einmal, ob dir bestimmte Dinge Recht sind, sondern sagst aus Prinzip zu.
  7. Dein Körper gibt dir Feedback, dass etwas nicht stimmt – auch, wenn du vielleicht nicht verstehst, was er dir genau sagen will. Du spürst bei Interaktionen, bei denen du deine Grenzen vielleicht besser verteidigen solltest, es aber nicht tust, vielleicht, dass du Kopfschmerzen bekommst; dass sich die Muskeln in deinen Beinen anspannen; dass deine Stimme die Tonlage verändert, oder du dich wütend oder kraftlos fühlst, ohne, dass du vielleicht verstehst, warum.

Kurzum: Wenn du nicht gelernt hast, Grenzen zu setzen, ist das Risiko hoch, dass in einem Leben eine unsichtbare Flamme lodert, die dir konstant Energie raubt. Es ist anstrengend, sich selbst aus seinem eigenen Leben derart auszuklammern.

Traurig, aber wahr: Was es mit dir machen kann, wenn du andere deine Grenzen systematisch immer wieder übertreten lässt

  1. Es sagt dir selbst, dass du im Vergleich zu anderen weniger wert bist – schließlich behandelst du dich ja nicht mal gleich mit anderen, sondern ziehst die anderen faktisch vor.
  2. Du bringst nicht nur dich, sondern auch andere dazu zu glauben, dass man auf dich keine Rücksicht nehmen muss – schließlich ist ja nie etwas „ein Problem“.
  3. Es wird schwieriger für dich, mit dir selbst mitzufühlen, Selbstmitgefühl zu haben, wenn du dich selbst aus der Rechnung herausnimmst und hauptsächlich mit anderen mitfühlst. Wenn du andere regelmäßig deine Grenzen übertreten lässt, bist du es wahrscheinlich nicht gewohnt an dich als jemanden zu denken, der ebenfalls Schutz und Rücksicht verdient hat.
  4. Auch Selbstliebe zu empfinden ist für dich wahrscheinlich schwieriger, weil es tatsächlich ein Akt der Selbstliebe wäre, deine Grenzen ausreichend zu schützen. Selbstliebe ist ja nicht nur etwas, das man denkt, sondern auch etwas, das man umsetzt – genauso wie es nicht ausreicht, jemanden zu lieben, ohne der Person diese Liebe auch in irgendeiner Form zu zeigen.
  5. Du gibst anderen keine Chance zu erkennen, was deine Motive und Wünsche sind. Damit bleibt ein wichtiger Teil von dir vor anderen verborgen.
  6. Und: Dinge verbergen zu müssen, z.B. dass du eigentlich anderer Meinung bist oder dich trotzdem etwas stört, kostet auf Dauer ganz schön viel Energie.

Du darfst Grenzen setzen! Ja, es dürfen dich Dinge stören, und du darfst diese Dinge ansprechen! Es macht keinen Sinn, dass du dich selbst an deine eigenen Grenzen bringst, nur um die anderer zu achten.

Nur kurz als Erklärung: Ich finde es nach wie vor schön und erstrebenswert, an das Wohl anderer Menschen zu denken. Ich weiß nur leider auch: Wenn das Wohl anderer immer wichtiger ist als dein eigenes, dein Seelenheil inbegriffen, bekommst du auf Dauer ein Problem.

Wie du besser Grenzen setzen kannst

Ich persönlich finde es hilfreich, anderen Menschen eine Gebrauchsanweisung von sich selbst zu geben. Auf diese Weise lassen sich Grenzen oft leichter kommunizieren.

Du könntest zum Beispiel so etwas sagen wie: „Wenn XY passiert, fasse ich das meistens so und so auf, und dann fühle ich mich XY. Könnten wir das so und so ändern?“

Das ist gleichzeitig auch eine Einladung zum Gespräch – der oder die andere könnte dir auch gleich eine Gebrauchsanleitung von sich mitliefern, und dann seid ihr beide in Zukunft bestens informiert und mit einer hübschen Grenze ausgestattet.

Ein Beispiel für so eine Gebrauchsanweisung findest du zum Beispiel in der New York Times: Sie hat Ivar Kroghrud interviewt, der für sich in beruflichen Kontexten eine Gebrauchsanweisung entwickelt hat, und in dem Interview schön erklärt, warum das für ihn so gut funktioniert.

… und woran du erkennst, dass du gesunde Grenzen setzt

Diese sehr hilfreiche Zusammenfassung habe ich über den grandiosen Instagram-Account von Sarah (alias „schnupfen.im.kopf“) entdeckt – und darf sie hier mit ihrer Erlaubnis wiedergeben. Hurra!

Anzeichen dafür, dass du gesunde Grenzen setzt (mit freundlicher Unterstützung von Sarah):

  • du sagst „Nein“, wenn du etwas nicht möchtest
  • du weißt, wer du bist, und keine Person und ihre toxischen Kommentare können das ändern
  • du sprichst negatives / grenzüberschreitendes Verhalten an und distanzierst dich von der Person, wenn sie keine Einsicht und Verhaltensänderungen zeigt
  • du kannst deine Emotionen, Grenzen und Bedürfnisse erspüren und gehst erst einmal in dich, bevor du etwas zustimmst
  • du kannst Freundlichkeit und liebevolle Gesten genauso annehmen, wie du sie auch gibst
  • du tolerierst es nicht, wenn du respektlos behandelt wirst
  • du ignorierst nicht deine eigenen Bedürfnisse und Werte, um es jemandem Recht zu machen, oder um zu verhindern, dass man dich verlässt
  • du kommunizierst deine Bedürfnisse und Emotionen
  • du gibst bewusst das, was du geben möchtest, und weißt, dass es ein Privileg und kein Recht anderer ist, etwas von dir zu erhalten (Aufmerksamkeit, Zeit, Liebe etc.)
  • du vertraust in dich und deine Wahrnehmung und lässt dir nicht einfach die Realität von jemand anderem aufdrücken

Und was war jetzt mit meinem Traum?

Wie ist er ausgegangen? Habe ich die ganzen fremden Menschen aus meiner Wohnung geworfen? Bin ich aus der Garage ausgezogen? Habe ich ein flammendes Plädoyer für irgendetwas gehalten?

Leider nein. Stattdessen bekam ich von einer der fremden Personen noch zwei Haustiere geschenkt, um die ich mich kümmern musste: einen kleinen, etwas zerfleddert aussehenden Hund und eine Schildkröte, die zu leuchten begann, wenn man sie fest streichelte.

Damit war ich dann den Rest des Traumes beschäftigt.


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